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Sechs Jahre nach der satirischen Abrechnung mit dem religiösen Dogmatismus in „Stollbergs Inferno“ wandte sich Michael Schmidt-Salomon mit „Jenseits von Gut und Böse – Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“ einem noch grundsätzlicheren Thema zu. Auch dieses Buch hat meinen Blick auf mein Leben nachhaltig verändert. Der provokante Untertitel „Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“ klingt zunächst nach einem Plädoyer für Beliebigkeit oder Rücksichtslosigkeit. Tatsächlich vertritt Schmidt-Salomon das Gegenteil: Er zeigt, dass der Abschied von den absoluten Kategorien „Gut“ und „Böse“ den Weg zu einer reflektierteren und menschenfreundlicheren Ethik eröffnen kann.
Ausgangspunkt ist die Kritik an zwei tief verankerten Vorstellungen: dem freien Willen und der daraus abgeleiteten persönlichen Schuld. Dies ist ein Thema, dem ich mich bereits ausführlich in meinem Buch „Die Methusalem-Strategie“ gewidmet hatte – mit einem sehr ähnlichen Ergebnis. Niemand hat sich seine Gene, seine frühkindlichen Prägungen, seine Erfahrungen oder die konkrete Situation ausgesucht, aus der heraus er handelt. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass jedes Verhalten gleichgültig wäre oder schädliche Handlungen folgenlos bleiben müssten. Schmidt-Salomon unterscheidet überzeugend zwischen metaphysischer Schuld und praktischer Verantwortung, zwischen moralischer Verdammung und einer vernünftigen Reaktion auf schädigendes Verhalten. An die Stelle des Dreigestirns „Schuld – Sühne – Strafe“ sollen Prävention, Wiedergutmachung, Schutz und Veränderung treten – Konsequenzen, die auch in meiner damaligen Auseinandersetzung mit dem freien Willen eine zentrale Rolle spielten.
Beeindruckend sind insbesondere die lebenspraktischen Folgen dieser Perspektive, die Schmidt-Salomon im Buch entfaltet. Schuldgefühle lähmen, während Reue persönliche Entwicklung ermöglichen kann. Kritik lässt sich als Chance zur Korrektur begreifen, statt als Angriff auf den eigenen Wert. Vergebung bedeutet nicht, Unrecht zu verharmlosen, sondern sich aus der emotionalen Gefangenschaft des Geschehenen zu lösen. So entsteht jene „neue Leichtigkeit des Seins“, von der der zweite Teil des Buches handelt: mehr Gelassenheit im Umgang mit sich selbst, mehr Verständnis für andere und zugleich eine nüchterne Entschlossenheit, vermeidbares Leid zu verringern.
Schmidt-Salomon verbindet Evolutionsbiologie, Philosophie, Psychologie und Gesellschaftskritik zu einem erstaunlich klaren Gedankengang. Wie kaum ein anderer versteht er es, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen, ohne sie zu banalisieren.
Zentral ist seine Unterscheidung zwischen Moral als tradiertem Werturteil und Ethik als kritischer Prüfung von Handlungen. Der Verzicht auf die Kategorien Gut und Böse mündet in eine Ethik, deren Maßstäbe sich vernünftig und nachvollziehbar begründen lassen müssen – weit entfernt vom befürchteten Nihilismus.
Nicht jede These wird jeden Leser überzeugen. Gerade die weitreichende Verneinung der Willensfreiheit bietet Anlass zum Widerspruch und zur weiteren Diskussion. Doch darin liegt eine zusätzliche Qualität dieses Buches: Es verlangt keine Gefolgschaft, sondern eigenständiges Denken. Der letzte Satz – „Belehren Sie mich eines Besseren!“ – ist deshalb mehr als eine freundliche Schlussformel. Er bringt die aufklärerische Haltung des gesamten Werkes auf den Punkt.
Ein kluges, befreiendes und im besten Sinne verstörendes Buch, das ich mit großem Gewinn gelesen habe und nachdrücklich empfehlen kann.
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