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Michael Schmidt-Salomons „Stollbergs Inferno“ ist eines der wenigen Bücher, die ich nicht nur mit größtem Vergnügen sogar zwei Mal gelesen, sondern auch unzählige Male im privaten Kreis empfohlen habe. Der Roman verbindet auf ungewöhnliche Weise philosophische Bildung, Kritik an religiösem Dogmatismus, schwarzen Humor und erzählerische Leichtigkeit.
Ausgangspunkt ist eine ebenso absurde wie geniale Wendung: Der Religionskritiker Jan Stollberg stirbt während einer Vorlesung – und muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass die christliche Jenseitsordnung tatsächlich existiert. In der Vorhölle begegnet er jenen Denkern, deren Werke über Jahrhunderte hinweg auf dem Index der Kirche standen: Kant und Feuerbach, Marx und Nietzsche, Adorno, Camus, Sartre und viele andere. Gemeinsam beschließen sie, die göttliche Diktatur nicht länger nur zu interpretieren, sondern zu verändern.
Was daraus entsteht, ist eine rasante Gedankenreise durch rund fünfhundert Jahre europäische Geistesgeschichte. Schmidt-Salomon gelingt das Kunststück, zentrale philosophische Positionen in pointierten Dialogen lebendig werden zu lassen, ohne daraus ein trockenes Lehrbuch zu machen. Der Roman ist tatsächlich eine Art „Sophies Welt für Erwachsene“ – allerdings bissiger, respektloser und politischer. Seine Kritik richtet sich auch gegen Dogmen, vor allem aber gegen die Vorstellung einer Weltordnung, in der Gehorsam höher bewertet wird als Erkenntnis, Zweifel oder moralische Eigenverantwortung.
Besonders stark ist das Buch dort, wo sein Humor ins Existenzielle umschlägt. Hinter der grotesken Revolte gegen Gott steht die ernste Frage, wie der endliche Mensch in einer möglicherweise sinnleeren Welt dennoch Würde, Verantwortung und Lebensmut bewahren kann. Die Schlusspointe verleiht diesem Gedanken eine zusätzliche philosophische Tiefe.
„Stollbergs Inferno“ ist frech, klug, unterhaltsam und in seiner Grundidee bis heute bemerkenswert. Wer bereit ist, religiöse Gewissheiten ebenso wie die eigenen weltanschaulichen Sicherheiten zu hinterfragen, findet hier weit mehr als eine Satire: einen leidenschaftlichen Aufruf zum eigenständigen Denken.
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