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Seit Jahren lässt mich eine Frage nicht los: Wie kann eine gebildete Gesellschaft mit stabilen Institutionen binnen weniger Monate kollektiv aufhören, dem eigenen Urteil zu trauen? Meine Antwort ist neurobiologisch: Das mentale Immunsystem des Einzelnen wurde zuvor systematisch geschwächt. Dazu lässt sich Guérots Analyse als strukturelle Ergänzung lesen: Wie wird aus dem Schweigen vieler ein System, das Widerspruch von sich aus unterdrückt? Auf diese Frage gibt sie eine politikwissenschaftliche Antwort.
Das Buch setzt dort an, wo andere aufhören. So enden viele Analysen der Pandemie entweder beim Verschwörungsverdacht oder bei der Frage, wer das Krisenmanagement verpatzt hat. Wer dabei stehen bleibt, droht, den Leser ohnmächtig vor der Vorstellung einer weltumspannenden Verschwörung zurückzulassen. Guérot fragt stattdessen, welche Machtstrukturen das möglich gemacht haben und welche demokratischen Grundregeln dabei gebrochen wurden. Im Zentrum: die schrittweise Verengung des öffentlichen Diskurses, die Gleichschaltung der Medien durch Konformitätsdruck statt Knopfdruck und die Mechanismen einer strukturellen Gewalt, die wirkt, ohne dass jeder Beteiligte eingeweiht sein muss. Gestützt auf Heinrich Popitz‘ Machttheorie – Systemveränderungen gelingen, wenn sie schnell kommen, bevor sich Widerstand organisieren kann – beschreibt sie, was ab März 2020 tatsächlich geschah: Das war keine Notfallreaktion, sondern Methode. Wer schnell genug handelt, gibt dem Widerstand keine Zeit, sich zu finden. Meine Arbeit beschreibt die neurobiologische Seite desselben Phänomens: warum der Einzelne irgendwann aufhört, Widerstand auch nur zu denken – weil ein sich permanent wandelndes Narrativ keine kognitive Anpassung erlaubt, mentale Erschöpfung erzeugt und die Menschen in System-1-Denken treibt: das schnelle, unreflektierte Denken, das Überzeugungen übernimmt statt sie zu prüfen.
Treffend ist auch ihre Analyse der Gewinner dieser Krise: Tech-Konzerne und Finanzakteure, die ihre Marktmacht unter dem Deckmantel des Gesundheitsschutzes ausbauten, während der Mittelstand in Lockdowns um Betrieb und Gesundheit rang. Den Körper als letzte Ware, den Barcode als neue Zugangsberechtigung zum öffentlichen Raum – das sind Guérots Formulierungen, aber sie treffen sich mit dem, wovor ich in „Das indoktrinierte Gehirn“ gewarnt habe: vor totaler digitaler Überwachung und Steuerung als Endpunkt eines Indoktrinationsprozesses, der dort beginnt, wo das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung untergraben wird. Guérot schaut auf die Strukturen der Gesellschaft, ich auf die des Gehirns – beide Blicke ergänzen sich hervorragend.
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