Eine Schweizer Studie fand keinen Zusammenhang zwischen Lithium im Trinkwasser und der Suizidrate – im SRF-Fernsehen wurde daraus „kein Effekt“ geschlossen. Was die Daten tatsächlich hergeben und was die Studienautorin auf Nachfrage inzwischen selbst eingeräumt hat, lesen Sie in diesem Beitrag.
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Ich habe im Buch Das Lithium-Komplott ausführlich dafür argumentiert, dass die Lithiumversorgung der meisten Menschen unzureichend ist und die meisten Menschen von einer Substitution geringer Mengen auch ohne individuelle Testung profitieren würden. Aus der Sendung könnte jedoch der Eindruck entstehen, ich würde mich – wie im Zusammenhang mit der Einblendung meines Buches diskutiert wurde – für eine Beimischung von Lithium ins Trinkwasser aussprechen. Das trifft nicht zu: Ich bespreche im Buch zwar ausführlich Trinkwasserstudien und die Vorteile höherer natürlicher Lithiumwerte, trete aber explizit für eine individuelle Substitution ein – schon deshalb, weil eine Beimischung ins Trinkwasser dem Prinzip der Selbstbestimmung entgegenläuft. Aber wer die Vorteile kennt, muss unter dem Gesichtspunkt der Selbstbestimmung auch die Möglichkeit haben, zu substituieren – und genau das ist in Europa rechtlich leider noch nicht der Fall. (Das Lithium-Komplott, S. 210)
In einer aktuellen Ausgabe der SRF-Sendung Puls vom 7. September 2026 wird die Frage diskutiert, ob die Einordnung von Lithium als essentielles Spurenelement sowie seine mögliche Bedeutung für die Alzheimer- und Suizidprävention – wie ich insbesondere in meinem Buch Das Lithium-Komplott argumentiere – wissenschaftlich hinreichend begründet ist.
Als Gegenargument zur Annahme, dass natürlich vorkommende Lithiumspuren im Trinkwasser das Suizidrisiko senken könnten, führt die Sendung unter anderem eine Schweizer Studie der Psychiaterin Dr. Eva-Maria Pichler aus dem Jahr 2024 an, die auch persönlich in der Sendung zu Wort kommt. Auf Grundlage der Studie sprach sie ein eindeutiges Urteil in dieser Hinsicht: „Es gibt keinen Zusammenhang“, „kein Effekt“.
Doch anstatt aus einem Nullbefund eine derart weitreichende Schlussfolgerung abzuleiten, hätten die Redaktion und insbesondere die Studienleiterin in der Sendung klar aufzeigen müssen, was die Studie tatsächlich untersucht hat – insbesondere, welchen Lithiummengen die untersuchte Bevölkerung über das Trinkwasser überhaupt ausgesetzt war – und welche Aussagekraft die Ergebnisse wirklich haben.
Im Folgenden geht es nicht um die Essentialität von Lithium insgesamt, sondern gezielt um den Zusammenhang mit Suizidalität – auf den in der Sendung erhobenen Vorwurf, mein Buch stütze sich unzulässig auf Tierstudien, gehe ich am Ende dieses Berichts gesondert ein.
Ebenso wenig geht es hier um die methodische Grundfrage, wie sich kausale Wirkmechanismen bei vielursächlichen Erkrankungen überhaupt beurteilen lassen. Ihr ist ein zeitgleich erscheinender Beitrag gewidmet, der das Prinzip der Triangulation am Beispiel der Suizidforschung darstellt. Hier geht es um die Sendung und um eine Studie, auf die sie sich in zentraler Angelegenheit stützt. Die Suizidprävention mit Lithium ist nur eines von mehreren Indizien in der Gesamtargumentation für die Essentialität – doch für sich genommen bereits von höchster Relevanz, weil dahinter Menschen stehen, denen eine ehrliche Analyse der Daten und eine daraus abgeleitete Stärkung der psychischen Resilienz helfen könnte.
In der Sendung wird mein Buch Das Lithium-Komplott mehrfach in die Kamera gehalten. Angefragt wurde ich nicht. Auf die schriftliche Nachfrage einer Zuschauerin, ob ich für die Recherche um ein Interview oder eine Stellungnahme gebeten worden sei, antwortete die Redaktion schlicht, eine Einbindung meiner Person sei nicht vorgesehen gewesen.
Zu den Punkten, die die Sendung mir zuschreibt, habe ich mich deshalb an anderer Stelle geäußert: in einem ausführlichen Gespräch auf dem Kanal „chronisch ehrlich by HEILKRAFTWERK“.
Das Gespräch behandelt neben der Schweizer Studie mehrere Punkte, die in diesem Beitrag nicht vorkommen: die Dosierungsfrage einschließlich der Blutwerte, die sich bei einer täglichen Zufuhr von 1 mg einstellen, den Unterschied zwischen Lithium und Lithiumorotat, die Einordnung des in der Sendung gezeigten Vergiftungsfalls, der eine hochdosierte Lithiumtherapie betraf und nicht die Mikrodosierung, sowie die Erfahrungsberichte von Zuschauern, die sich auf den Aufruf der Redaktion hin gemeldet hatten.
Die methodischen Hintergründe finden Sie im Beitrag „Lithiummangel und Suizidrisiko: Triangulation der Evidenz“, eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte in der Pressemitteilung.
Pichler und Kollegen analysierten 1.043 Schweizer Gemeinden. Die gemessenen Lithiumkonzentrationen reichten von 0,06 bis 37,06 µg/L. In der Sendung wird ausdrücklich auf die angeblich „sehr große Bandbreite“ der gemessenen Lithiumwerte in der Schweiz hingewiesen.
Entscheidend sind jedoch Median und Mittelwert: Der Mittelwert lag bei nur 3,72 µg/L. Der Median ist hierbei besonders aussagekräftig, weil er – anders als der Mittelwert – durch einzelne extrem hohe Werte kaum beeinflusst wird: Die Hälfte aller untersuchten Gemeinden hatte höchstens 2,86 µg/L.
Schon diese beiden Werte zeigen, dass die bloße Angabe des Maximums von 37,06 µg/L kein realistisches Bild davon vermittelt, wo die große Mehrheit der Gemeinden tatsächlich lag. In der Studie bezeichnen die Autoren die Verteilung selbst noch als stark schief – in der Sendung sucht man dieses Eingeständnis vergebens.
Die Publikation zeigt in Abb. 3A die tatsächliche Verteilung der gemessenen Lithiumwerte über alle 1.043 untersuchten Gemeinden.
Die Abb. 3A veranschaulicht, was Erstautorin Pichler später in einem zugehörigen Q&A (das der Sender im Anschluss an die Sendung veranstaltete, um mit Zuschauern und den beteiligten Experten offene Fragen zu klären) auch einräumte: „Der Schwerpunkt liegt tief, der obere Bereich ist dünn besetzt.“
Doch der irreführende Eindruck ist bereits mit der Ausstrahlung der Hauptsendung entstanden – korrigiert wird er nachträglich nur in besagtem Q&A, das ungleich weniger Menschen sehen als die Sendung selbst. Auf den Einwand der Reporterin der SRF-Sendung, die Lithiumwerte in der Schweiz seien insgesamt niedrig gewesen, erklärte Pichler, man habe eine „sehr große Bandbreite an Lithium-Werten in der Schweiz“, und diese decke sich durchaus mit früheren Studien, die einen positiven Effekt gefunden hätten.
Das suggeriert jedoch, es habe eine vergleichbare Lithiumexposition wie in den früheren Studien gegeben, die eine inverse Korrelation zwischen Lithiumkonzentration im Trinkwasser und der Suizidrate feststellen konnten. Die veröffentlichten Zahlen zeigen aber bei der Lithiumkonzentrationsverteilung etwas völlig anderes, als Pichler in der Sendung und auch nachträglich behauptete.
Beispielsweise untersuchten Kapusta und Kollegen 6.460 Wasserproben aus sämtlichen 99 österreichischen Bezirken. Dort betrug der mittlere Lithiumgehalt 11,3 µg/L. Der höchste mittlere Bezirkswert in Österreich lag bei 82,3 µg/L, während in der Schweizer Studie selbst der höchste Gemeindewert nur 37,06 µg/L erreichte. Die österreichische Studie fand eine signifikante inverse Beziehung zwischen Lithium im Trinkwasser und Suizidmortalität, die auch nach Berücksichtigung verschiedener sozioökonomischer Faktoren bestehen blieb.
Besonders anschaulich ist eine Berechnung der Autoren der österreichischen Studie: Im einfachen, nicht für andere Einflussgrößen korrigierten Modell war eine Erhöhung der Lithiumkonzentration um 10 µg/L mit 1,4 weniger Suiziden pro 100.000 Einwohner beziehungsweise einer 7,2 Prozent niedrigeren standardisierten Suizidmortalität verbunden. Das ist zwar nur eine epidemiologische Assoziation und kein Beweis für Kausalität – aber gerade deshalb ist der Vergleich mit den Schweizer Daten aus Pichlers Studie so aufschlussreich: 11,3 µg/L entsprechen rund dem Dreifachen des gesamten Schweizer Mittelwertes.
Die Behauptung, die Schweizer Konzentrationsspanne könne mit früheren positiven Studien mithalten, ist also unzutreffend.
Noch bemerkenswerter ist, dass die wissenschaftliche Publikation diesen entscheidenden Unterschied selbst ausweist. Dort schreiben Pichler und Kollegen zunächst ausdrücklich, der Schweizer Mittelwert von 3,72 µg/L liege am unteren Ende des Spektrums internationaler Studien. Danach argumentieren sie zwar, die niedrigeren Schweizer Werte seien wahrscheinlich keine ausreichende Erklärung für ihr Nullergebnis, weil sich die Konzentrationsbereiche früherer Untersuchungen deutlich überschnitten. Doch unmittelbar anschließend räumen sie ein, ihre Stichprobe könne nicht genügend Daten am oberen Ende der Lithiumwerte enthalten haben (wie Abb. 3A gut illustriert). Sie fordern deshalb weitere Studien, die mehr Regionen am unteren wie am oberen Ende des Lithiumspektrums einschließen und insgesamt ein breiteres Konzentrationsspektrum abdecken – breit genug, um auch nichtlineare Dosis-Wirkungs-Zusammenhänge untersuchen zu können.
Im Fernsehen bleibt von dieser differenzierten Einordnung im Wesentlichen nur die vermeintliche „große Bandbreite“ übrig, die aber de facto gar nicht in den relevanten Bereich vordringt – gepaart mit der kategorischen Aussage, man hätte einen Effekt gesehen, wenn „auch nur ein bisschen was dran gewesen“ wäre.
Dass sich zwei Wertebereiche formal überschneiden, sagt aber noch nichts darüber aus, ob im entscheidenden oberen Bereich auch genug Daten vorlagen, um überhaupt einen Effekt erkennen zu können – und genau das zeigen die veröffentlichten Verteilungsdaten gerade nicht.
Hinzu kommt, dass die untersuchten Schweizer Gemeinden zwischen 33 und mehr als 420.000 Einwohner hatten. Eine winzige Gemeinde mit einem hohen Lithiumwert erweitert die Spannweite genauso stark wie eine Großstadt mit demselben Wert – obwohl die kleine Gemeinde nur einen Bruchteil der Bevölkerung ausmacht. Für die entscheidende Frage wäre deshalb nicht nur wichtig zu wissen, wie viele Gemeinden höhere Lithiumwerte hatten, sondern vor allem, wie viele Menschen dort tatsächlich lebten – doch diese Information liefert die Publikation nicht.
Der publizierte Maximalwert von 37,06 µg/L beruht in Abb. 3A erkennbar auf einem einzelnen extremen Datenpunkt. Wie viele Einwohner diese Gemeinde hatte, geht aus der Publikation nicht hervor. Da die untersuchten Gemeinden zwischen 33 und 420.217 Einwohnern umfassten, lässt sich aus der bloßen Spannweite von 0,06 bis 37,06 µg/L nicht ableiten, welcher Anteil der untersuchten Bevölkerung tatsächlich hohen Lithiumkonzentrationen ausgesetzt war.
Es würde ausreichen, die Gemeinden anonymisiert in Lithiumklassen einzuteilen – etwa unter 5, 5 bis 10, 10 bis 20 und über 20 µg/L – und für jede Klasse die Zahl der Gemeinden, die Gesamtbevölkerung sowie aggregierte Suiziddaten anzugeben. Sehr kleine Gruppen könnten aus Datenschutzgründen zusammengefasst werden. Damit ließe sich unmittelbar erkennen, wie viele Menschen tatsächlich höheren Lithiumkonzentrationen im Trinkwasser ausgesetzt waren.
Wer öffentlich so weitreichende Aussagen trifft, sollte auch die relevanten Daten transparent machen, anhand derer sie überprüft werden können. Das gilt umso mehr, wenn eine einzelne Studie anschließend medial oder gesundheitspolitisch dazu verwendet wird, aus einem begrenzten Nullbefund die Botschaft abzuleiten, Lithium habe „keinen Effekt“ oder eine geringe Lithiumversorgung sei für den Menschen bedeutungslos.
Hinzu kommt ein grundlegendes Dosisproblem. Gerhard Schrauzer schlug bereits 2002 auf Grundlage der damals verfügbaren experimentellen und epidemiologischen Evidenz für einen 70-kg-Erwachsenen eine vorläufige tägliche Lithiumzufuhr von 1.000 µg beziehungsweise 1 mg vor. Dabei verwies er unter anderem auf erhöhte Mortalität sowie reproduktive und Verhaltensstörungen bei lithiumarm ernährten Versuchstieren.
Es handelt sich dabei nicht um eine offiziell anerkannte Zufuhrempfehlung, sondern um einen vorgeschlagenen Orientierungswert mit wissenschaftlicher Begründung. Auch ich kam unter Einbeziehung neuerer Befunde später auf eine Größenordnung von etwa 1 mg täglich als physiologischen Orientierungswert. Dieser Wert steht damit seit über zwei Jahrzehnten zur Verfügung – lange genug, um bei der Planung einer Studie zur Lithiumversorgung als Orientierung zu dienen. Von einer Stichprobe, die gezielt genügend Gemeinden oder Menschen im Bereich dieses physiologisch relevanten Werts einschließt, hätte erwartet werden dürfen, dass sie die entscheidende Frage tatsächlich beantworten kann.
Zum Vergleich: Um bei der mittleren Schweizer Trinkwasserkonzentration von 3,72 µg/L allein über dieses Wasser 1 mg Lithium aufzunehmen, müsste ein Mensch rund 269 Liter täglich trinken; beim Median von 2,86 µg/L wären es etwa 350 Liter. Aber damit nicht genug. Lithium kommt natürlicherweise praktisch überall in Spuren vor.
Niemand lebt unter einer echten Nullzufuhr. Eine Trinkwasserstudie vergleicht deshalb nicht „Lithiumzufuhr“ mit „keine Lithiumzufuhr“, sondern vergleicht Menschen, die bereits Lithium mit der Nahrung aufnehmen und über ihr Trinkwasser lediglich einige Mikrogramm mehr oder weniger erhalten. Bei der mittleren Schweizer Konzentration von 3,72 µg/L liefern selbst zwei Liter Wasser pro Tag gerade einmal rund 7,4 µg Lithium.
Der Zuschauer müsste zur Einordnung der gemessenen Wasserkonzentrationen außerdem wissen: Die Dosis-Wirkungs-Beziehung bei Lithium verläuft, wie bei Vitalstoffen generell, nicht linear, sondern sigmoid, also S-förmig.
Das bedeutet: Am unteren Ende liegt ein Bereich, in dem eine zusätzliche Zufuhr von wenigen Mikrogramm keinen messbaren Effekt erzeugt; der ansteigende Ast der Kurve beginnt nach meiner Auswertung erst bei einer Zufuhr in der Größenordnung von 10 µg Lithium pro Tag. Darauf folgt ein steiler Abschnitt, in dem bereits geringe Zufuhrsteigerungen deutliche Wirkungsunterschiede erzeugen. Und oberhalb einer Zufuhr von etwa 0,8 bis 1,2 mg täglich flacht die Kurve in einen breiten Sättigungsbereich ab, den ich als essentielle Breite bezeichne: Dort bringt eine weitere Steigerung keinen zusätzlichen Nutzen mehr – jenseits davon ist irgendwann nur noch mit unerwünschten Wirkungen zu rechnen, wie man an der hochdosierten psychiatrischen Anwendung von etwa 120 mg täglich sieht.
Entscheidend ist nun, dass auf der waagerechten Achse einer solchen Dosis/Wirkungs-Kurve natürlich nicht die Lithiumkonzentration des Trinkwassers steht, sondern die tatsächliche tägliche Gesamtzufuhr. Eine Trinkwasserstudie kann einen Effekt folglich nur dann sichtbar machen, wenn die über das Wasser erzeugten Unterschiede groß genug sind, damit die verglichenen Bevölkerungen tatsächlich an unterschiedlichen Zufuhr-Punkten dieser Kurve positioniert sind.
In der Schweiz sind die Unterschiede aber nicht groß genug bzw. reichen nicht weit genug in den eigentlich relevanten Bereich hinein: Bei der mittleren Lithium-Konzentration im Trinkwasser liefern zwei Liter täglich etwa 7,4 µg Lithium, beim Median etwa 5,7 µg – Beträge, die für sich genommen bereits unterhalb des Wertes liegen, ab dem der ansteigende Ast der sigmoiden Dosis/Wirkungskurve überhaupt beginnt, und die gegenüber einer Gesamtzufuhr von einigen Dutzend Mikrogramm aus der Nahrung kaum ins Gewicht fallen.
Verglichen wurden also nicht Menschen mit unterschiedlicher Lithiumversorgung, sondern Menschen, die sich sämtlich an nahezu derselben Stelle der sigmoiden Kurve befanden. Dass sich dabei kein Unterschied zeigt, ist kein Ergebnis, das die Bedeutung von Lithium in Frage stellt. Vielmehr ist es die zu erwartende Folge eines Untersuchungsdesigns, das nicht auf ausreichende Variation der Dosis bis in den physiologisch relevanten Bereich, wie er anzunehmen ist, geachtet hat.
Deshalb kann man aus einem Nullbefund bzgl. Suizidraten nicht schließen, dass ein Lithiummangel dahingehend bedeutungslos ist. Es kann lediglich bedeuten, dass innerhalb dieser relativ kleinen Spanne kein statistisch signifikanter Zusammenhang gefunden wurde.
Pichler aber spricht in der Sendung von einem „klaren Nullergebnis“, erklärt: „Es gibt keinen Zusammenhang“, fügt später noch hinzu: „Kein Effekt“, und betont schließlich sogar: „Wäre da auch nur so ein bisschen etwas dran gewesen, hätten wir das in unserer Studie wirklich gesehen.“
Gerade dieser öffentlichkeitswirksame letzte Satz steht in eklatantem Gegensatz zur wissenschaftlichen Publikation – angesichts der Thematik ist die Tragweite einer solchen nicht gerechtfertigten Aussage enorm. In der Studie räumen die Autoren selbst ein, dass zu wenige Messpunkte im höheren Lithiumbereich vorhanden waren, dass die individuelle Lithiumaufnahme über die Nahrung nicht erfasst wurde und dass keine Lithiumkonzentrationen im Blut der untersuchten Menschen bestimmt werden konnten. Ob die Studie überhaupt genügend Menschen im möglicherweise relevanten höheren Konzentrationsbereich erfasste, bleibt auch bei genauerer Betrachtung offen – eine Einschränkung, die die Autoren, zu denen auch Pichler gehört, in ihrer Fachpublikation noch einräumten.
Auf direkte Nachfrage hat Pichler auch diese Aussage inzwischen – im Rahmen des Q&A Lithium des SRF im Nachgang zur Sendung – selbst präzisiert. Sie wurde gefragt: „Müsste die Schlussfolgerung nicht präziser lauten: ‚Innerhalb der in der Schweiz untersuchten, überwiegend niedrigen Trinkwasserkonzentrationen konnten wir keinen statistisch signifikanten Zusammenhang feststellen‘.“
Pichler antwortete darauf: „[…] Ihre Formulierung ist präziser als meine in der Sendung […]“. Zugleich stellte sie klar, dass ihr Datensatz keine Aussage über deutlich höhere Konzentrationen erlaubt. Noch bemerkenswerter: Auf Nachfrage zur tatsächlichen Expositionsverteilung bestätigte sie: „Der Schwerpunkt liegt tief, der obere Bereich ist dünn besetzt“. Und sie räumte zudem ausdrücklich ein, dass die Frage, ob niedrig dosiertes Lithium physiologische Effekte besitzt, mit dem ökologischen Design ihrer Studie überhaupt nicht beantwortet werden kann: „Sie vergleicht Regionen, nicht Personen“. Pichler erklärt dazu: „Damit lässt sich kein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang belegen, und man weiß nicht, wie viel Wasser eine einzelne Person tatsächlich getrunken hat.“
Pichler weist in dem Kontext jedoch auch darauf hin, dass der untersuchte Bereich immerhin bis 37,06 µg/L reiche, sich mit den Konzentrationsbereichen früherer positiver Studien überschneide und die geglättete Regressionslinie auch am oberen Ende keine Andeutung eines Effekts zeige; ein Effekt in der Größenordnung früherer Arbeiten hätte sich demnach zeigen müssen. Das wäre ein legitimes Argument, wenn im oberen Bereich tatsächlich genug Daten vorgelegen hätten, um einen solchen Effekt erkennen zu können. Das ist aber, wie gezeigt, fraglich.
Die Glättung der Suizidraten ist als deskriptive Darstellung statistisch nachvollziehbar: In kleinen Gemeinden beruht die Suizidrate oft auf nur ein oder zwei Fällen pro Jahr, weshalb sie stark zufallsbedingt schwankt – die Glättung soll dieses Rauschen reduzieren. Sie eignet sich jedoch gerade nicht dazu, einen möglichen Effekt in den wenigen hoch exponierten Gemeinden auszuschließen.
Für Abb. 3 wurden die Suizidraten einer Gemeinde zunächst mit denjenigen dreier Nachbargemeinden geglättet (deren Lithiumexposition wir nicht kennen; sie muss jedoch niedriger sein als in der Gemeinde mit dem höchsten Wert); darüber legten die Autoren zusätzlich eine geglättete Regressionskurve – sichtbar als blaue Linie mit grauem Konfidenzband. Am dünn besetzten oberen Ende kann dadurch ein lokaler Zusammenhang abgeschwächt oder unsichtbar werden. Der eigentliche Nullbefund der Gesamtstudie beruht zwar auf separaten Korrelations- und Regressionsanalysen und nicht allein auf dieser Grafik. Die Aussage, aus der geglätteten Kurve sei erkennbar, dass auch bei hohen Lithiumwerten „kein Effekt“ bestehe, geht jedoch über das hinaus, was diese Darstellung leisten kann.
Eine gute Nullstudie kann zeigen, dass sie keinen Effekt gefunden hat. Um sagen zu können, man hätte einen vorhandenen Effekt mit Sicherheit gesehen, wenn es ihn denn geben würde, muss sie aber gerade in dem biologisch relevanten Expositionsbereich genügend Information besitzen. Im relevanten oberen Bereich des Schweizer Datensatzes ist genau das aber nicht der Fall – die Autorin bezeichnet diesen Bereich inzwischen selbst als „dünn besetzt“. Damit ist der entscheidende Streitpunkt im Grunde geklärt: Der Schweizer Nullbefund ist ein Befund über regionale Suizidraten innerhalb der spezifischen Schweizer Trinkwasserexposition. Er ist kein Nachweis dafür, dass niedrig dosiertes Lithium keine physiologische Wirkung besitzt – und schon gar kein Beleg dafür, dass Lithiummangel beim Menschen bedeutungslos wäre.
Zuletzt sei noch ein methodisches Grundprinzip angesprochen, das in der öffentlichen Verwertung solcher Studien regelmäßig unter den Tisch fällt: die Triangulation. Ein kausaler Zusammenhang wird in der Medizin nicht durch eine einzelne Untersuchung belegt, sondern dadurch, dass mehrere voneinander unabhängige wissenschaftliche Herangehensweisen, deren jeweilige Fehlerquellen sich nicht überschneiden, auf dasselbe Ergebnis zulaufen.
Auf einer solchen Triangulation beruht der Essentialitätsnachweis, den ich in Das Lithium-Komplott über sechs voneinander unabhängige Argumentationslinien geführt habe – von der Epidemiologie über die Molekularbiologie des Lithioms und die evolutionäre Konservierung seiner Zielstrukturen bis hin zu den tierexperimentellen Mangelversuchen an Ratten und Ziegen, epidemiologischen, klinischen und genetischen Studien beim Menschen. Tierstudien bilden darin also eine von sechs Säulen, nicht deren Fundament.
Der in der Sendung erhobene Vorwurf, mein Buch übertrage lediglich eindrückliche Tierbefunde auf den Menschen, geht daher an der eigentlichen Beweisführung vorbei: Sie beruht nicht auf der Übertragung einzelner Tierstudien, sondern auf deren Konvergenz mit unabhängigen humanen Datenquellen – darunter die kontrollierte Interventionsstudie von Schrauzer und de Vroey sowie die placebokontrollierte Stabilisierung des kognitiven Abbaus unter Mikrodosierung in der Arbeit von Nunes und Kollegen. Wirksamkeitsstudien am Menschen sind darin also kein blinder Fleck, sondern integraler Bestandteil der Argumentation.
Auch wenn jedes einzelne dieser Argumente für sich genommen aussagekräftig ist, ist das Ganze doch mehr als die Summe seiner Teile. Wie dieses Netz am Beispiel der Suizidforschung bezüglich Lithium geknüpft ist – von der Epidemiologie über individuelle Messwerte, genetische Befunde und kontrollierte Interventionen bis zu den tierexperimentellen Mangelversuchen –, habe ich in einem zeitgleich erscheinenden Beitrag „Triangulation der Evidenz“ im Einzelnen dargestellt.
Die Schweizer Arbeit ist ein Ergebnis innerhalb eines einzigen Evidenzstrangs, der ökologischen Trinkwasserepidemiologie – und selbst innerhalb dieses Strangs stehen ihr Metaanalysen gegenüber. Die umfangreichste von ihnen wertete zum Endpunkt Suizid vierzehn Studien mit mehr als 94 Millionen Menschen aus und fand höhere Lithiumkonzentrationen im Trinkwasser mit niedrigeren Suizidraten verbunden. Ein Nullbefund ist damit keineswegs bedeutungslos; er gehört ins Gesamtbild und muss dort seinen Platz finden, so wie jedes andere Puzzleteil auch.
Was er nicht leisten kann, ist die Widerlegung eines Evidenznetzes, das aus ganz anderen Richtungen geknüpft wurde. Wer daraus schließt, Lithiummangel habe für den Menschen keine Bedeutung, verwechselt den fehlenden Nachweis eines Effekts mit dem Nachweis, dass kein Effekt besteht.
Schweizer Nullstudie – die zentrale Studie
Pichler EM, Fartacek C, Miller-Doebeling B, Walter M, Plöderl M. Too early to add lithium to drinking water? No association between lithium and suicides in a pre-registered Swiss study. Journal of Affective Disorders. 2024;367:598–605. DOI: 10.1016/j.jad.2024.08.239. PMID: 39242041.
Die Studie umfasst 1.043 Schweizer Gemeinden und 4.945 Lithiummessungen. Sie berichtet keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Trinkwasser-Lithium und Suizidmortalität. Zugleich weist sie auf die möglicherweise unzureichende Zahl von Daten am oberen Ende der Lithiumwerte und die Notwendigkeit eines breiteren Konzentrationsspektrums hin.
PubMed – Pichler et al. 2024
Originalartikel bei ScienceDirect
Österreich – die für den direkten Konzentrationsvergleich entscheidende Studie
Kapusta ND, Mossaheb N, Etzersdorfer E, et al. Lithium in drinking water and suicide mortality. British Journal of Psychiatry. 2011;198(5):346–350. DOI: 10.1192/bjp.bp.110.091041. PMID: 21525518.
6.460 Lithiummessungen aus allen 99 österreichischen Bezirken. Die Studie fand eine inverse Assoziation zwischen Lithium im Trinkwasser und Suizidmortalität, die nach Adjustierung für sozioökonomische Faktoren bestehen blieb. Im unadjustierten Modell war ein Anstieg um 0,01 mg/L = 10 µg/L mit 1,4 weniger Suiziden pro 100.000 Einwohner bzw. einer 7,2 % niedrigeren standardisierten Suizidmortalität assoziiert. Die Autoren betonen selbst, dass eine ökologische Assoziation keine Kausalität beweist.
PubMed – Kapusta et al. 2011
Volltext bei Cambridge University Press
Österreich – räumlich-statistische Reanalyse
Helbich M, Leitner M, Kapusta ND. Geospatial examination of lithium in drinking water and suicide mortality. International Journal of Health Geographics. 2012;11:19. DOI: 10.1186/1476-072X-11-19. PMID: 22695110.
Die Untersuchung berücksichtigte explizit räumliche Abhängigkeiten und bestätigte im globalen räumlichen Regressionsmodell den inversen Zusammenhang.
PubMed – Helbich et al. 2012
Österreich – erneute Analyse einschließlich Lithiumverordnungen
Helbich M, Leitner M, Kapusta ND. Lithium in drinking water and suicide mortality: interplay with lithium prescriptions. British Journal of Psychiatry. 2015;207(1):64–71. DOI: 10.1192/bjp.bp.114.152991. PMID: 25953888.
Die inverse Assoziation wurde für die Gesamtbevölkerung und Männer erneut gefunden; verschriebenes Lithium erklärte das räumliche Muster nicht.
PubMed – Helbich et al. 2015
Japan – frühe positive Untersuchung
Ohgami H, Terao T, Shiotsuki I, Ishii N, Iwata N. Lithium levels in drinking water and risk of suicide. British Journal of Psychiatry. 2009;194(5):464–465. DOI: 10.1192/bjp.bp.108.055798. PMID: 19407280.
In 18 Gemeinden der Präfektur Oita waren höhere Lithiumwerte signifikant mit niedrigeren standardisierten Suizidraten assoziiert.
PubMed – Ohgami et al. 2009
Texas – frühe Untersuchung mit deutlich höheren natürlichen Konzentrationen
Schrauzer GN, Shrestha KP. Lithium in drinking water and the incidences of crimes, suicides, and arrests related to drug addictions. Biological Trace Element Research. 1990;25(2):105–113. DOI: 10.1007/BF02990271. PMID: 1699579.
In 27 texanischen Counties waren Suizid-, Tötungs- und Vergewaltigungsraten in Gebieten mit sehr niedrigen Lithiumwerten höher als in Gebieten mit 70–170 µg/L. Das ist für die Diskussion über Pichlers Behauptung einer vergleichbaren „Bandbreite“ besonders interessant.
PubMed – Schrauzer & Shrestha 1990
Texas – spätere, methodisch umfangreichere Untersuchung
Blüml V, Regier MD, Hlavin G, et al. Lithium in the public water supply and suicide mortality in Texas. Journal of Psychiatric Research. 2013;47(3):407–411. DOI: 10.1016/j.jpsychires.2012.12.002. PMID: 23312137.
3.123 Lithiummessungen in 226 Counties; in den meisten statistischen Analysen inverse Assoziation auch unter Berücksichtigung sozioökonomischer Faktoren.
PubMed – Blüml et al. 2013
Eine wichtige Nullstudie
Kabacs N, Memon A, Obinwa T, Stochl J, Perez J. Lithium in drinking water and suicide rates across the East of England. British Journal of Psychiatry. 2011;198(5):406–407. DOI: 10.1192/bjp.bp.110.088617. PMID: 21525523.
47 Regionen in Ostengland; kein Zusammenhang gefunden.
PubMed – Kabacs et al. 2011
Systematische Review und Metaanalyse 2020
Memon A, Rogers I, Fitzsimmons SMDD, et al. Association between naturally occurring lithium in drinking water and suicide rates: systematic review and meta-analysis of ecological studies. British Journal of Psychiatry. 2020;217(6):667–678. DOI: 10.1192/bjp.2020.128. PMID: 32716281.
15 ökologische Studien; für die Gesamt-Suizidmortalität gepooltes β = −0,27, 95-%-KI −0,47 bis −0,08, p=0,006. Die Heterogenität war allerdings hoch (I²=83,3 %), und die Autoren betonen die Grenzen ökologischer Studien.
PubMed – Memon et al. 2020
Zweite Metaanalyse 2020
Barjasteh-Askari F, Davoudi M, Amini H, et al. Relationship between suicide mortality and lithium in drinking water: A systematic review and meta-analysis. Journal of Affective Disorders. 2020;264:234–241. PMID: 32056756. DOI: 10.1016/j.jad.2019.12.027
Die gepoolte Analyse ergab eine inverse Assoziation mit einer OR von 0,42 (95-%-KI 0,27–0,67; p<0,01); auch hier wird ausdrücklich auf Confounding und die Notwendigkeit besserer Studien hingewiesen.
PubMed – Barjasteh-Askari et al. 2020
Große systematische Review/Metaanalyse 2021
Eyre-Watt B, Mahendran E, Suetani S, Firth J, Kisely S, Siskind D. The association between lithium in drinking water and neuropsychiatric outcomes: A systematic review and meta-analysis from across 2678 regions containing 113 million people. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry. 2021;55(2):139–152. DOI: 10.1177/0004867420963740. PMID: 33045847.
27 Studien, 2.678 Regionen und insgesamt etwa 113 Millionen Menschen; die Teilauswertung zum Endpunkt Suizid umfasste 14 Studien mit mehr als 94 Millionen Menschen und ergab eine inverse Assoziation, bei erheblicher Heterogenität.
PubMed – Eyre-Watt et al. 2021
Ernährungsphysiologische Essentialitätsdiskussion / 1-mg-Vorschlag
Schrauzer GN. Lithium: occurrence, dietary intakes, nutritional essentiality. Journal of the American College of Nutrition. 2002;21(1):14–21. DOI: 10.1080/07315724.2002.10719188. PMID: 11838882.
Schrauzer fasst die älteren Lithium-Verarmungsversuche an Ratten und Ziegen mit erhöhter Mortalität sowie reproduktiven und Verhaltensauffälligkeiten zusammen und schlägt eine vorläufige RDA von 1.000 µg/Tag für einen 70-kg-Erwachsenen vor. Es handelt sich ausdrücklich nicht um einen offiziell etablierten Referenzwert.
PubMed – Schrauzer 2002
Humanstudien zur physiologischen Mikrodosierung
Schrauzer GN, de Vroey E. Effects of nutritional lithium supplementation on mood. A placebo-controlled study with former drug users. Biological Trace Element Research. 1994;40(1):89–101. DOI: 10.1007/BF02916824.
Nunes MA, Viel TA, Buck HS. Microdose lithium treatment stabilized cognitive impairment in patients with Alzheimer’s disease. Current Alzheimer Research. 2013;10(1):104–107. DOI: 10.2174/1567205011310010014. PMID: 22746245.
SRF, Puls, 7. September 2026: „Lithium – Wundermittel fürs Gehirn oder gefährlicher Hype?“: https://www.srf.ch/wissen/gesundheit/nahrungsergaenzung-lithium-wundermittel-fuer-alle-oder-hype
SRF, Puls, 7. September 2026: „Q&A Lithium – «Gibt es bei einer langfristigen Einnahme von Lithium Gefahren?»“: https://www.srf.ch/wissen/wissens-chats/q-a-lithium-gibt-es-bei-einer-langfristigen-einnahme-von-lithium-gefahren
Wegen wichtiger Wartungsarbeiten am Server kann es in den nächsten Stunden zu Einschränkungen der Darstellung, Funktionalität einzelner Bereiche und Erreichbarkeit unserer Webseite kommen.
Wir bitten dies zu entschuldigen.