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Triangulation der Evidenz

Lithiummangel und Suizidrisiko: Triangulation der Evidenz

Warum sich Kausalität nicht an einer einzelnen Studie entscheidet

— von PD Dr. Michael Nehls, September 2026

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In Deutschland bei der TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, 
in der Schweiz bei der Dargebotenen Hand unter 143 und 
in Österreich bei der TelefonSeelsorge unter 142

Ob ein biologischer Faktor tatsächlich ursächlich zu einer Erkrankung oder einem bestimmten Verhalten beiträgt, lässt sich beim Menschen häufig nicht mit einer einzigen Untersuchung abschließend klären. Jede wissenschaftliche Methode erfasst nur einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit und besitzt eigene Stärken und Schwächen. Beobachtungsstudien können Zusammenhänge in großen Bevölkerungen sichtbar machen, sind jedoch anfällig für Störfaktoren. Klinische Studien erlauben unter geeigneten Bedingungen stärkere kausale Schlussfolgerungen, untersuchen aber meist ausgewählte Personengruppen, begrenzte Zeiträume und bestimmte Dosierungen. Genetische Befunde können Hinweise auf beteiligte biologische Systeme liefern, während experimentelle und mechanistische Untersuchungen zeigen können, wie ein beobachteter Zusammenhang biologisch zustande kommen könnte. Keine dieser Evidenzformen ist für sich allein vollkommen.

Gerade deshalb beruht eine belastbare kausale Schlussfolgerung idealerweise nicht auf einer einzelnen Studie, sondern auf der Triangulation unterschiedlicher Evidenzlinien. Entscheidend ist, ob Untersuchungsansätze, die auf unterschiedlichen Methoden beruhen und daher auch unterschiedliche Fehler- und Verzerrungsquellen besitzen, unabhängig voneinander auf dieselbe Erklärung zulaufen. Zeigen beispielsweise epidemiologische Daten einen Zusammenhang, lässt sich dieser durch bekannte molekulare Mechanismen erklären, weisen genetische Befunde auf dasselbe biologische System und stimmen schließlich auch klinische Beobachtungen damit überein, wird es zunehmend unwahrscheinlich, dass das Gesamtbild lediglich durch einen einzelnen methodischen Fehler entstanden ist.

Ich möchte dieses methodische Prinzip im Folgenden an einem konkreten Beispiel durchgehen, dem Zusammenhang zwischen Lithiumversorgung und Suizidrisiko.

Anlass für diesen Info-Artikel

In der SRF-Sendung Puls vom 7. September 2026 wurde diskutiert, ob die Einordnung von Lithium als essentielles Spurenelement und seine mögliche Bedeutung für die Alzheimer- und Suizidprävention wissenschaftlich hinreichend abgesichert sind. Als Gegenargument diente eine Schweizer Studie von 2024, die innerhalb der dortigen Trinkwasserkonzentrationen keinen Zusammenhang mit der regionalen Suizidmortalität fand. Vor der Kamera wurde daraus „Es gibt keinen Zusammenhang“ und „kein Effekt“. 

Mit der Studie und ihrer Darstellung in der Sendung habe ich mich an anderer Stelle ausführlich befasst (Dr. Nehls bezieht Stellung zur SRF-Sendung «Puls»: „Lithium – Wundermittel fürs Gehirn oder gefährlicher Hype?“), die wesentlichen Klarstellungen wurden zusätzlich in Form eines Presseberichts veröffentlicht. Ein ausführliches Gespräch zur Sendung, in dem ich auch auf die Dosierungsfrage und den Unterschied zwischen Lithium und Lithiumorotat eingehe, findet sich als Video auf dem Kanal „chronisch ehrlich by HEILKRAFTWERK“.

Lithiummangel und Suizidrisiko

Suizid ist ein multifaktorielles Geschehen. Deshalb wäre es falsch zu behaupten, Lithiummangel „verursache“ Suizid in einem einfachen, monokausalen Sinn. Die wissenschaftlich entscheidende Frage lautet vielmehr: Kann eine unzureichende physiologische Lithiumversorgung biologische und psychische Regulationssysteme beeinträchtigen, die Stimmung, Stressresilienz, emotionale Selbstregulation und Impulskontrolle bestimmen – und dadurch die Wahrscheinlichkeit suizidalen Verhaltens erhöhen?

Solche Fragen lassen sich nicht mit einer einzigen Studie beantworten. Entscheidend ist die Triangulation der Evidenz: unterschiedliche Forschungsmethoden mit unterschiedlichen Fehlerquellen werden gemeinsam betrachtet. Wenn Epidemiologie, individuelle biologische Messungen, Genetik, klinische Interventionen, pharmakologische Befunde, Tierexperimente und molekulare Mechanismen unabhängig voneinander auf ein ähnliches biologisches Modell zulaufen, ist das wissenschaftlich wesentlich aussagekräftiger als eine einzelne Korrelation – denn ein Störfaktor, der eine einzelne Korrelation erklären könnte, erklärt deshalb noch lange nicht auch die genetischen, klinischen und tierexperimentellen Befunde.

Diese Gesamtschau habe ich bereits in meinem 2025 erschienenen Buch „Das Lithium-Komplott – Plädoyer für ein essentielles Spurenelement“ entwickelt. Besonders relevant sind dort die Abschnitte über Lithium und Suizid auf S. 70–75, die experimentellen Verhaltensbefunde unter Lithiummangel auf S. 139–140, die Humanintervention mit physiologisch niedrigen Lithiummengen auf S. 142–144, das Dosis-Wirkungs-Modell auf S. 181–186 mit Abb. 22 auf S. 183, die Neuroinflammation ab S. 219 sowie Depression, Suizidneigung und Sozialverhalten auf S. 280–283. Die Buchgliederung ordnet diese Themen ausdrücklich als zusammenhängende Bestandteile des Lithiummangel-Modells ein.

Abb. 1 | Triangulation der Evidenz am Beispiel der Suizidprävention: Viele unabhängige Befundlinien sprechen dafür, dass eine unzureichende Lithiumversorgung die Vulnerabilität für suizidales Verhalten erhöhen kann. Die Ziffern entsprechen den folgenden Abschnitten. Die Abbildung stellt keine einzige lineare Beweiskette dar, sondern die Konvergenz methodisch unterschiedlicher Befunde. Die vollständige Herleitung der einzelnen Zusammenhänge wird in Das Lithium-Komplott ausführlicher dargestellt.

Kernaussagen auf einen Blick: Ein einzelner Nullbefund kann nicht andere, methodisch unabhängige Befunde widerlegen. Die epidemiologische Literatur zu natürlichem Lithium und Suizid kommt nicht ausnahmslos zu demselben Ergebnis. Fasst man sie jedoch in Metaanalysen zusammen, gehen höhere Lithiumkonzentrationen im Mittel stets mit niedrigeren Suizidraten einher. 

Hinzu kommen die Einzelbefunde von niedrigeren individuellen Lithiumwerten bei Suizidopfern, kontrollierte Humaninterventionen, die bekannte antisuizidale Wirkung therapeutischen Lithiums, genetische Befunde in lithiumsensitiven Signalwegen sowie tierexperimentelle und molekulare Daten. 

Selbst Tierexperimente zeigen, dass Lithium-Depletion die situationsgerechte Verhaltensregulation unter Belastung beeinträchtigen kann und die Funktion nach Lithium-Repletion wiederkehrt. Beachtung verdient auch die Form der Dosis-Wirkungs-Beziehung. Sie verläuft bei Lithium, wie bei Vitalstoffen generell, nicht linear, sondern sigmoid, also S-förmig. 

Eine sigmoide Dosis-Wirkungs-Beziehung bedeutet in dieser Hinsicht: Im flachen unteren Bereich (rote Fläche in der Abb. 1) verändert eine zusätzliche Zufuhr die biologische Wirkung kaum. Im darauffolgenden ansteigenden Bereich (blaue Fläche in der Abb. 1) erzeugt dieselbe zusätzliche Menge jedoch einen deutlichen Wirkungsunterschied. Vergleicht man also ausschließlich Menschen, die sich im Hinblick auf ihre bestehende Lithiumzufuhr sämtlich im flachen unteren Bereich befinden, ist auch dann kein Unterschied zu erwarten, wenn Lithium biologisch bedeutsam ist.

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1. Direkte Epidemiologie: Lithium im Trinkwasser und Suizid

Der unmittelbarste Ausgangspunkt für die Beantwortung der Frage nach einem Zusammenhang sind epidemiologische Untersuchungen, die natürlich vorkommendes Lithium im Trinkwasser mit regionalen Suizidraten vergleichen. Seit Jahrzehnten wurde in verschiedenen Ländern wiederholt beobachtet, dass höhere Lithiumkonzentrationen mit niedrigeren Suizidraten einhergehen.

Schrauzer und Shrestha berichteten 1990 für 27 texanische Counties, dass Suizid-, Tötungs- und Vergewaltigungsraten in Gebieten mit sehr wenig Lithium im Wasser höher lagen als in Gebieten mit deutlich höheren natürlichen Konzentrationen.[1] Eine japanische Untersuchung von Ohgami et al. fand ebenfalls: Je höher der Lithiumgehalt im Trinkwasser war, desto niedriger fiel die standardisierte Suizidmortalität aus.[2]

Besonders aussagekräftig ist die österreichische Untersuchung von Kapusta und Kollegen aus dem Jahr 2011. Grundlage waren 6.460 Lithiummessungen aus sämtlichen 99 österreichischen Bezirken. In Bezirken mit höheren Lithiumkonzentrationen lagen sowohl die Suizidrate als auch die standardisierte Suizidmortalität niedriger; der statistisch signifikante Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem mehrere sozioökonomische Faktoren herausgerechnet wurden.[3]

Ohne Herausrechnung denkbarer Einflussgrößen ging ein um 10 µg Lithium pro Liter höherer Lithiumgehalt mit einer um etwa 7,2 Prozent niedrigeren standardisierten Suizidmortalität einher.[3] Das ist ausdrücklich ein beobachteter Zusammenhang (epidemiologische Assoziation) und kein Beweis dafür, dass genau diese Lithiumdifferenz die beobachtete Reduktion verursacht hat.

Eine spätere österreichische Analyse bestätigte den Zusammenhang für Männer und die Gesamtbevölkerung. Sie prüfte zugleich, ob er sich damit erklären ließe, dass in manchen Regionen mehr Lithium als Medikament verordnet wird – das war nicht der Fall.[4]

Noch wichtiger als einzelne Untersuchungen sind die Metaanalysen. Memon et al. werteten über 15 solcher Regionalstudien aus: Über alle Studien hinweg ging ein natürlicher Lithiumgehalt des Trinkwassers mit einer niedrigeren Suizidmortalität einher.[5] Barjasteh-Askari et al. kamen ebenfalls zu einem signifikanten inversen Gesamtsignal.[6]

Am umfangreichsten ist die Auswertung von Eyre-Watt und Kollegen. Sie sichteten 27 Studien aus 2.678 Regionen mit zusammen rund 113 Millionen Menschen zu verschiedenen neuropsychiatrischen Fragestellungen. Vierzehn dieser Studien mit mehr als 94 Millionen Menschen betrafen Suizid; in ihrer gemeinsamen Auswertung gingen höhere Lithiumkonzentrationen mit niedrigeren Suizidraten einher.[7] Die Einzelstudien wichen dabei stark voneinander ab, und es fanden sich Hinweise auf eine Verzerrung der veröffentlichten Studienlage.

Das ist wissenschaftlich wichtig: Die Literatur ist nicht vollkommen einheitlich. Gerade deshalb wäre es falsch, aus den positiven ökologischen Studien allein bereits Kausalität abzuleiten.

Die angemessene Schlussfolgerung lautet vielmehr: Es gibt einen wiederholt beobachteten Zusammenhang (epidemiologisches Signal), bei dem sich die Frage stellt, ob ihn auch Untersuchungen mit ganz anderen Methoden stützen.

Diese epidemiologischen Befunde stelle ich in Das Lithium-Komplott ab S. 70 ausführlich dar.

2. Zur Tragweite eines Nullbefunds

2024 veröffentlichten Eva-Maria Pichler und Kollegen eine präregistrierte Untersuchung von 1.043 Schweizer Gemeinden.[8] Sie fanden keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen regionalem Trinkwasser-Lithium und Suizidmortalität – weder in der einfachen Korrelation noch in den Modellen, die weitere Einflussgrößen und die räumliche Lage der Gemeinden berücksichtigten. Das ist ein ernst zu nehmender Befund, und er gehört ins Gesamtbild.

Entscheidend ist, was er aussagt. Er sagt: Innerhalb der in der Schweiz vorgefundenen Trinkwasserkonzentrationen ließ sich kein Zusammenhang mit den regionalen Suizidraten nachweisen. Diese Konzentrationen lagen sämtlich im untersten Bereich der Dosis-Wirkungs-Kurve, die ich in Das Lithium-Komplott auf S. 181–186 und in Abb. 22 auf S. 183 dargestellt habe. Hinzu kommt, dass niemand ohne Lithium lebt: Verglichen wurden nicht Menschen mit und ohne Lithiumzufuhr, sondern Menschen, die ihr Lithium ohnehin überwiegend aus der Nahrung beziehen und über das Wasser lediglich einige Mikrogramm mehr oder weniger erhalten. Die Autoren halten selbst fest, dass ihre Daten am oberen Ende möglicherweise zu dünn waren, und fordern Untersuchungen über ein breiteres Konzentrationsspektrum sowie Verfahren, die auch nichtlineare Zusammenhänge erfassen.

Das beweist nicht, dass für den Suizid ein bestimmter Schwellenwert der Lithiumzufuhr existiert; wo er läge, wissen wir nicht. Es zeigt aber, dass der Satz „Innerhalb dieser Verteilung wurde kein Zusammenhang nachgewiesen“ etwas anderes ist als „Lithium hat keinen Effekt“ – und weit entfernt von „Lithiummangel hat beim Menschen keine Bedeutung“. Der Weg von der ersten zur dritten Aussage ist der Fehler, um den es in diesem Artikel geht: Eine einzelne Befundlinie mit mangelhafter Aussagekraft (extrem niedrige Trinkwasserkonzentrationen) wird für das Ganze genommen.

Ich fasse mich hier bewusst kurz, weil dieser Beitrag der methodischen Frage gilt. Die Schweizer Studie selbst – Verteilung der Messwerte, tatsächliche Expositionsbereiche, ihre Darstellung in der Sendung und die Präzisierungen, die die Erstautorin auf Nachfrage inzwischen vorgenommen hat – behandle ich ausführlich in meiner zeitgleich erscheinenden Analyse der Sendung; zu den zentralen Punkten erschien zusätzlich eine Pressemitteilung

In der Sendung wird mein Buch mehrfach in die Kamera gehalten, meine Thesen werden aufgegriffen und kritisch kommentiert. Angefragt wurde ich nicht. Auf die schriftliche Nachfrage einer Zuschauerin, warum ich im Rahmen der Recherche nicht um ein Interview oder eine Stellungnahme gebeten worden sei, antwortete die Redaktion schlicht, eine Einbindung meiner Person sei nicht vorgesehen gewesen. Zu den Punkten, die die Sendung mir zuschreibt, habe ich mich deshalb an anderer Stelle geäußert: in einem ausführlichen Gespräch auf dem Kanal „chronisch ehrlich by HEILKRAFTWERK“.

Abb. 22 aus: Das Lithium-Komplott, S. 183

3. Indirekte Epidemiologie: psychische Erkrankungen als zusätzlicher Weg zum Suizid

Die Lithiumversorgung muss das Suizidrisiko nicht auf direktem Weg beeinflussen. Ein zweiter Zugang der Epidemiologie untersucht nicht die Suizidraten selbst, sondern die Häufigkeit psychischer Erkrankungen – und zwar weil diese zu den wichtigsten bekannten Risikofaktoren für Suizid gehören.

Bereits 1970 berichteten Dawson und Kollegen, dass es in Regionen mit höherem Lithiumgehalt des Trinkwassers weniger psychiatrische Klinikeinweisungen gab.[9] Weitere Untersuchungen Anfang der 1970er Jahre kamen zu ähnlichen Ergebnissen, sowohl im Hinblick auf psychiatrische Einweisungen als auch auf verschiedene psychische Erkrankungen.[10,11]

Auch die umfangreiche Übersichtsarbeit von Eyre-Watt und Kollegen untersuchte neben Suizid weitere neuropsychiatrische Endpunkte und fand Hinweise darauf, dass höhere natürliche Lithiumwerte mit weniger psychiatrischen Klinikeinweisungen verbunden waren.[7]

Für die Suizidfrage zählt dieser Zugang deshalb, weil der Schritt von der psychischen Erkrankung zum Suizid belegt ist. Vor allem die affektiven Erkrankungen, also die Störungen der Stimmung wie Depression und bipolare Störung, erhöhen das Suizidrisiko erheblich. Isometsä fasste die Forschungslage dahingehend zusammen, dass ein erheblicher Anteil aller Suizide im Zusammenhang mit solchen Erkrankungen steht.[12]

Damit entsteht ein zweiter, indirekter epidemiologischer Pfad: Eine unzureichende Lithiumversorgung erhöht die Anfälligkeit für Depressionen und andere psychische Erkrankungen, und diese erhöhen wiederum das Suizidrisiko.

unzureichende Lithiumversorgung
→ höhere Vulnerabilität für psychische bzw. affektive Erkrankungen
→ höheres Suizidrisiko.

Dieser Weg ist für die Triangulation besonders wertvoll, weil er einen anderen Endpunkt untersucht als die direkte Korrelation zwischen Lithium im Trinkwasser und der Suizidrate. Beide Wege teilen allerdings dieselbe Schwäche: Untersuchungen dieser Art – man spricht von einem ökologischen Studiendesign – vergleichen Gemeinden oder Regionen, nicht einzelne Menschen. Umso interessanter ist eine japanische Studie von Ando und Kollegen, die genau diesen Schritt auf die individuelle biologische Ebene vollzieht und den Lithiumgehalt einzelner Verstorbener misst.

Die Forscher untersuchten zwölf Suizidopfer und 16 Menschen, die nicht durch Suizid verstorben waren. Die durchschnittliche Lithiumkonzentration im Kammerwasser des Auges betrug bei den Suizidopfern etwa 0,50 µg/L, bei den Kontrollen etwa 0,92 µg/L.[13]

Der Unterschied blieb nach Berücksichtigung von Alter und Geschlecht signifikant.

Diese Untersuchung ist klein und querschnittlich. Sie kann nicht feststellen, ob der niedrigere Lithiumstatus die Ursache, eine Folge oder lediglich ein Begleitphänomen war.

Für die Triangulation besitzt sie dennoch erhebliche Bedeutung: Ein Befund auf individueller biologischer Ebene weist in dieselbe Richtung wie die regionale Epidemiologie, obwohl die methodischen Fehlerquellen völlig andere sind.

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4. Genetik: Wenn lithiumsensitive Signalwege mit Suizidalität verbunden sind

Eine methodisch völlig andersartige Befundlinie liefert die Genetik. Sie misst weder Trinkwasser noch Ernährung noch einen Lithiumspiegel, sondern setzt bei den ererbten Anlagen an: Wie unterscheiden sich Menschen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung darin, wie gut die von Lithium beeinflussten Regulationssysteme bei ihnen arbeiten – und hat das Folgen für das Suizidrisiko?

Jiménez und Kollegen untersuchten bei Patienten mit bipolarer Störung fünf Gene, die an zwei zentralen Steuerungssystemen der Zellen beteiligt sind – dem Inositol- und GSK-3-Signalweg. Bei drei dieser Gene, IMPA2, INPP1 und GSK3B, hing es messbar von der jeweiligen Genvariante ab, ob die Patienten suizidales Verhalten zeigten.[14]

Das ist für das Kausalitätsargument (Lithiummangel und Suizidrisiko) deshalb bemerkenswert, weil diese Gene Signalwege betreffen, auf die Lithium direkt oder indirekt einwirkt.

Hier verändern die ererbten Anlagen gewissermaßen von innen heraus genau jene regulatorischen Systeme, deren Funktion durch Lithium moduliert wird.

Einen zweiten genetischen Zugang hat Hans O. Kalkman zusammengeführt. Auch Varianten anderer Gene wurden mit einem erhöhten Suizidrisiko in Verbindung gebracht, darunter TPH2, das die Serotoninherstellung im Gehirn steuert, und FKBP5, das an der Regulierung der Stressantwort beteiligt ist. Kalkmans Analyse zeigt, dass diese ganz unterschiedlichen Ausgangspunkte in einem gemeinsamen Punkt zusammenlaufen: Sie alle können die Aktivität von GSK-3 erhöhen.[15]

Damit ergibt sich ein bemerkenswertes Muster:

Die fünf Gene – IMPA2, INPP1, GSK3B, TPH2, FKBP5 – haben zunächst wenig miteinander zu tun; eines steuert die Serotoninherstellung, ein anderes die Stressantwort, wieder andere den Inositol-Signalweg. Ihre Varianten wirken sich aber alle auf dieselben Regulationssysteme aus, nämlich auf GSK-3 und die übrigen Systeme, an denen auch Lithium ansetzt.

Ob der Mensch über die Nahrung zu wenig Lithium aufnimmt, lässt sich aus diesen Genbefunden nicht ableiten; dazu müsste man die Zufuhr messen, und das tun sie nicht. Sie zeigen jedoch, und zwar völlig unabhängig von den Trinkwasserstudien, dass jene biologischen Systeme, auf die Lithium einwirkt, tatsächlich am Zustandekommen suizidalen Verhaltens beteiligt sind.

Die genetische Konvergenz ist ein zentraler Bestandteil der Argumentation in Das Lithium-Komplott, insbesondere im Abschnitt „Suizidneigung“ auf S. 281 ff.

5. Klinische Evidenz: Intervention, Mikrodosis und antisuizidale Wirkung

Bisher ging es um Beobachtungen – um Regionen, Verstorbene und ererbte Anlagen. Am aussagekräftigsten ist jedoch der Versuch, bei dem die Lithiumzufuhr selbst verändert und anschließend geprüft wird, was geschieht. Solche Untersuchungen gibt es am Menschen, und zwar in zwei methodisch ganz verschiedenen Ausführungen.

Die erste ist die bekannte antisuizidale Wirkung therapeutischen Lithiums bei affektiven Erkrankungen.

Cipriani und Kollegen analysierten 48 randomisierte Studien mit insgesamt 6.674 Teilnehmern. In den mit Lithium behandelten Gruppen kam es, gegenüber den Placebo-Gruppen, zu deutlich weniger vollendeten Suiziden.[16]

Das beweist nicht, dass physiologische Mikrodosen dieselbe Wirkung haben. Die psychiatrische Lithiumtherapie arbeitet mit sehr viel höheren Konzentrationen.

Für unsere Triangulation erfüllt dieser Befund jedoch eine andere Funktion: Er zeigt unabhängig von Trinkwasserstudien, dass das Lithiumion beim Menschen tatsächlich biologische Systeme beeinflussen kann, die den klinischen Endpunkt Suizid betreffen.

Die zweite klinische Untersuchung arbeitete hingegen mit Mengen, wie sie auch über die Ernährung aufgenommen werden können. Schrauzer und de Vroey randomisierten 24 Teilnehmer. Zwölf erhielten über vier Wochen täglich lediglich 400 µg Lithium, zwölf ein Placebo.[17] Unter Lithium verbesserten sich die erfassten Stimmungs- und Verhaltensparameter signifikant. Mehrere Teilnehmer beschrieben unter anderem geringere Reizbarkeit, weniger Wutausbrüche und eine stabilere Stimmung.

Grenzen der Studie liegen darin, dass sie nur wenige Teilnehmer umfasste und in ihr Stimmung und Verhalten gemessen wurden, nicht aber das Suizidrisiko. Ihr Beitrag zur Triangulation liegt aber auch an anderer Stelle: Sie schließt eine Lücke, die alle übrigen Befundlinien offenlassen, weil hier die Lithiumzufuhr im Bereich der Ernährung tatsächlich verändert und anschließend eine Wirkung auf die Psyche beobachtet wurde. Die Studie beantwortet damit eine für die gesamte Debatte zentrale Frage: Können wenige hundert Mikrogramm Lithium beim Menschen überhaupt messbare psychische Wirkungen entfalten? Diese kontrollierte Pilotstudie spricht dafür.

In Das Lithium-Komplott wird diese Studie auf S. 142–144 ausführlich dargestellt.

6. Mechanismen: Wie GSK-3, Neuroinflammation, Resilienz und Impulskontrolle zusammenhängen

Epidemiologische und klinische Beobachtungen werden wesentlich interessanter, wenn nachvollziehbar wird, wie sie biologisch miteinander verbunden sein könnten. Lithium moduliert unter anderem GSK-3 und den Inositol-/IMPase-Signalweg. Diese Systeme gehören zum in Das Lithium-Komplott beschriebenen „Lithiom“ – einem Netzwerk lithiumsensitiver Regulationssysteme, die zahlreiche zentrale Zellfunktionen beeinflussen. Für Suizidalität sind insbesondere vier miteinander verbundene Bereiche relevant:

GSK-3-Aktivität, Neuroinflammation, hippocampale Neuroplastizität und Impulskontrolle.

Beurel und Jope haben die Verbindung zwischen Stress, Entzündung (u. a. Neuroinflammation), Lithium und suizidassoziierten Eigenschaften ausdrücklich untersucht. Depression, Aggressivität und Impulsivität sind mit entzündlichen Prozessen assoziiert; Lithium hemmt GSK-3 und kann antiinflammatorisch wirken.[18]

Cheng und Kollegen zeigten experimentell, dass Stress im Mausmodell über TLR4- und GSK-3-abhängige Mechanismen eine Neuroinflammation des Hippocampus hervorrufen kann und dass diese Prozesse mit einer erhöhten Anfälligkeit für depressionsähnliches Verhalten verbunden sind.[19]

Damit ergibt sich eine mechanistisch plausible Teilkette:

unzureichende Lithiumregulation
→ erhöhte GSK-3-Aktivität
→ Verschiebung hin zu entzündungsfördernden Prozessen
→ Neuroinflammation (Entzündungen im Gehirn)
→ ungünstigere Bedingungen für die Neubildung von Nervenzellen im Hippocampus (Neurogenese)
→ geringere Stressresilienz und höhere Anfälligkeit für Depressionen

Der Hippocampus steht hier im Mittelpunkt, denn diese Hirnstruktur spielt eine zentrale Rolle für Kontextverarbeitung, Stressregulation und die Fähigkeit, eine ursprünglich angemessene Alarmreaktion wieder herunterzufahren. Besnard und Sahay haben die Verbindung von adulter hippocampaler Neurogenese, Stress und Furchtgeneralisation ausführlich dargestellt.[20]

In Das Lithium-Komplott wird dieser Bereich über das Konzept des mentalen Immunsystems mit psychischer Resilienz verbunden; die Neuroinflammationsmechanismen werden ab S. 219 und ihre Bedeutung für Depression und Suizid im Bereich S. 280–283 zusammengeführt.

Die Grenze dieser Argumentation ist dabei klar zu benennen: Es gibt keine Studie am Menschen, die den ganzen Weg von der unzureichenden Lithiumversorgung über die verminderte Neubildung von Nervenzellen bis zum Suizid belegt. Jeder einzelne Schritt dieser Kette stammt aus einer anderen experimentellen Anordnung, und jede davon hat ihre eigenen, aber jeweils anderen Fehlerquellen. Genau deshalb ist die Triangulation notwendig.

Suizidales Verhalten hängt nicht allein davon ab, wie verzweifelt die Situation für einen Menschen erscheint. Entscheidend kann auch sein, ob er in einer extremen emotionalen Situation in der Lage ist, einen akuten Impuls zu regulieren und eine irreversible Handlung zu verhindern.

Orestis Giotakos stellte deshalb 2018 bereits im Titel seiner Übersichtsarbeit die Frage, ob Impulsivität zum Teil ein Zustand des Lithiummangels sei („Is impulsivity in part a lithium deficiency state?“).[21] Er bringt darin Lithium mit GSK-3, mit der Regulation von Serotonin und Dopamin sowie mit Impulsivität, Aggressivität und Suizidalität in Verbindung. Besonders bemerkenswert ist seine Überlegung, dass Lithium seine antisuizidale Wirkung zumindest teilweise dadurch entfalten könnte, dass es die übergeordnete Kontrolle über impulsive Handlungen („Top-down brakes“) stärkt.

Damit ergeben sich mindestens zwei Wege, die weitgehend unabhängig voneinander verlaufen:

Der erste führt über die Stimmung: Ein Lithiummangel verringert die Widerstandskraft gegenüber Stress und erhöht die Anfälligkeit für Depressionen, und beides erhöht das Suizidrisiko.

Lithiummangel
→ geringere Stressresilienz / höhere Depressionsvulnerabilität
→ höheres Suizidrisiko

Der zweite führt über die Selbstkontrolle: Ein Lithiummangel beeinträchtigt die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und Handlungen zu steuern, und macht es damit wahrscheinlicher, dass aus einer akuten suizidalen Krise tatsächlich eine Handlung wird.

Lithiummangel
→ beeinträchtigte emotionale Selbstregulation / Impulskontrolle
→ höhere Wahrscheinlichkeit, dass aus einer akuten suizidalen Krise eine Handlung wird.

Für diesen zweiten Weg gibt es aus älteren kontrollierten Tierexperimenten erstaunlich direkte experimentelle Unterstützung.

7. Tierexperimentelle Evidenz: Lithiummangel stört die Selbstregulation unter Belastung

Für die Suizidfrage gehören die älteren Verhaltensversuche zu den interessantesten Tierexperimenten überhaupt.

Anke und Kollegen beobachteten bei Ratten unter Lithiummangel abnormes Verhalten, das nach Wiederzufuhr von Lithium wieder verschwand. Ihre Übersichtsarbeit hält das ausdrücklich fest.[22]

In Das Lithium-Komplott habe ich diese Studie auf S. 139–140 ausführlich besprochen.

Noch aufschlussreicher für die Frage der Selbstregulation ist ein unabhängiges japanisches Experiment. Ono und Wada trainierten Tiere zunächst auf eine konditionierte Vermeidungsreaktion: Sie hatten also gelernt, in einer belastenden Situation eine bestimmte, zielführende Reaktion auszuführen. Anschließend erhielten die Tiere unterschiedlich lithiumarme Diäten. Das Ergebnis war bemerkenswert: Je stärker der Lithiummangel war, desto ausgeprägter wurde die zuvor erlernte adaptive Vermeidungsreaktion unterdrückt. Wurde Lithium wieder ergänzt, kehrte die erlernte Vermeidungsreaktion zurück.[23]

Das Muster lautet also: Wird die Lithiumzufuhr verringert, verschlechtert sich die Fähigkeit, das eigene Verhalten unter Belastung angemessen zu steuern. Wird Lithium wieder zugeführt, kehrt die zuvor erlernte Reaktion zurück. 

Lithium reduzieren
→ situationsgerechte Verhaltenssteuerung unter Belastung verschlechtert sich
→ Lithium wieder zuführen
→ die zuvor erlernte adaptive Reaktion kehrt zurück.

Das ist für die Frage der Essentialität ein klassisches Depletion-Repletion-Experiment.

Für die Suizidproblematik besitzt es darüber hinaus eine besondere Bedeutung. Was hier unmittelbar gemessen wurde, war eine erlernte Verhaltensantwort unter experimenteller Belastung. Funktionell lässt sich der Befund als Hinweis darauf interpretieren, dass Lithiummangel die Fähigkeit zur situationsgerechten emotionalen und verhaltensbezogenen Selbstregulation unter Stress beeinträchtigen kann. Das ist wohlgemerkt eine Interpretation des Verhaltensbefunds – die Autoren haben ihre Ergebnisse nicht unter diesem Gesichtspunkt gedeutet.

Was den Versuch dabei auswertbar macht, ist die Art des Ausfalls. Es geht nicht einfach darum, dass lithiumarme Tiere „irgendwie anders“ waren. Eine bereits vorhandene adaptive Reaktion wurde mit zunehmendem Mangel schlechter ausgeführt und durch Lithium-Repletion wiederhergestellt. Damit liefert die Tierforschung experimentelle Kausalevidenz dafür, dass die Lithiumversorgung höhere Funktionen der Verhaltensregulation beeinflussen kann.

Ein weiteres Rattenexperiment von Klemfuss und Schrauzer zeigte ebenfalls Veränderungen des Verhaltens unter Lithiumdeprivation, unter anderem veränderte soziale und Handling-Reaktionen sowie eine Verschiebung und Abschwächung des Aktivitätsrhythmus.[24] Bemerkenswert ist allerdings, dass die gemessene Aggressivität in dieser speziellen Versuchsanordnung abnahm, nicht zunahm. Der Befund stützt daher eine lithiumabhängige Verhaltensdysregulation, nicht die einfache Behauptung „Lithiummangel macht Ratten aggressiver“.

Für unser Modell ist die übergeordnete Aussage deshalb präziser und stärker: Lithiummangel verändert die normale emotionale und verhaltensbezogene Regulation; unter Belastung kann eine bereits erlernte adaptive Verhaltenskontrolle zusammenbrechen, und Lithium-Repletion kann diese Funktion wiederherstellen.

Das passt zu den Befunden am Menschen zu Impulsivität, Reizbarkeit und der suizidhemmenden Wirkung von Lithium. Allerdings beweist der experimentelle Befund selbstverständlich nicht, dass lithiumdefiziente Mäuse oder Ratten „suizidal“ werden – das wäre eine unzulässige Übertragung. Er liefert aber eine von Epidemiologie und Genetik unabhängige Kausalevidenz für einen unmittelbar relevanten Zwischenmechanismus:

Lithiummangel
→ gestörte Selbstregulation unter Stress
→ schlechtere adaptive Verhaltenskontrolle.

Beim Menschen kann genau diese Fähigkeit entscheidend sein, wenn extreme Niedergeschlagenheit, Verzweiflung oder ein suizidaler Gedanke auftreten. Damit gewinnt unser zweiter Suizidpfad erheblich an experimenteller Unterstützung:

unzureichende Lithiumversorgung
→ beeinträchtigte emotionale Selbstregulation
→ verminderte Impulskontrolle unter Belastung
→ erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass aus einer suizidalen Krise eine Handlung wird.

Neuere translationale Kausalevidenz: Lithiumdefizit verändert das Gehirn

Eine neue Qualität erhielt die tierexperimentelle Evidenz 2025 durch die in Nature veröffentlichte Arbeit von Aron und Kollegen.[25] Die Studie untersucht Alzheimer und nicht Suizidalität; für die grundlegende Frage, ob eine Verminderung physiologisch vorhandenen Lithiums überhaupt einen echten neuronalen Mangelzustand erzeugen kann, ist sie jedoch von großer Bedeutung.

Bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung war Lithium unter den untersuchten Metallen bereits vermindert. In kontrollierten Mausversuchen führte eine lithiumarme Ernährung, die den kortikalen Lithiumgehalt etwa halbierte, unter anderem zu mehr Amyloid-β, mehr phosphoryliertem Tau, proinflammatorischer Mikroglia, Synapsen- und Axonschäden sowie kognitiven Defiziten.[25]

Die Wiederherstellung der Lithiumversorgung verhinderte oder verminderte zahlreiche dieser Veränderungen. Die Arbeit liefert damit keinen Nachweis eines Suizid-Zusammenhangs, wohl aber einen wichtigen allgemeinen Baustein: Wird das natürlich vorhandene Lithium verringert, entsteht im Gehirn ein klar bestimmbarer Mangelzustand mit neuropathologischen Konsequenzen, insbesondere für den Hippocampus (Unified theory of Alzheimer’s disease, UTAD).

Das stärkt die biologische Grundlage für die Annahme, dass die Lithiumversorgung auch für andere komplexe Hirnfunktionen relevant sein kann. Dabei bleiben zwei Dinge zu unterscheiden: Im Tierversuch ist der ursächliche Zusammenhang belegt, während der formale Nachweis, dass Lithium auch für den Menschen essentiell ist, noch aussteht, was aber verständlich ist, denn gezielte Depletionsstudien beim Menschen verbieten sich aus ethischen Gründen. Mit derselben ethischen Sichtweise sollte man Menschen den Zugang zu Lithium in essentiellen Mengen jedoch nicht unnötig erschweren, wenn die triangulierte Beweislage so überwältigend für die Essentialität spricht.

8. Systemsicht: Warum gerade die Unabhängigkeit der Befunde zählt

Damit wird deutlich, worin die eigentliche Stärke der Triangulation besteht. Ein unbekannter sozioökonomischer Faktor könnte theoretisch einen Zusammenhang zwischen Trinkwasser und Suizidrate vortäuschen, doch er erklärt nicht zugleich, warum bei Suizidopfern individuell niedrigere Lithiumwerte gemessen wurden. Aus diesen Individualdaten lässt sich wiederum nicht ablesen, ob der niedrigere Lithiumwert Ursache oder Folge war, doch sie erklären nicht die Wirkung einer Intervention, bei der wenige hundert Mikrogramm Lithium nach dem Zufallsprinzip zugeteilt wurden. Eine kleine Intervention könnte zufällig einen positiven Befund erzeugen; ein solcher Zufall erklärt aber nicht die genetischen Zusammenhänge bei IMPA2, INPP1 und GSK3B. Diese genetischen Befunde belegen ihrerseits keinen Lithiummangel, laufen jedoch auf genau jene Signalwege zu, die durch Lithium reguliert werden. Mechanistische Untersuchungen wiederum können einen klinischen Befund wie den Suizid nicht beweisen, erklären aber, warum GSK-3, Neuroinflammation, Stressresilienz und Impulsregulation funktionell zusammengehören.

Tierexperimente lassen sich nicht einfach auf Menschen übertragen. Sie erlauben jedoch etwas, das beim Menschen kaum möglich ist: Lithium gezielt zu vermindern und anschließend zu prüfen, ob dadurch eine Funktion gestört wird und ob sie nach Wiederzufuhr zurückkehrt. Gerade der Befund zur Verhaltensregulation erfüllt dieses klassische Muster aus Entzug, Funktionsverlust, Wiederzufuhr und Wiederherstellung.

Depletion → Dysfunktion → Repletion → Wiederherstellung.

Und schließlich wird Lithium in der Psychiatrie in einer völlig anderen Größenordnung verabreicht, doch auch das zeigt unabhängig von allem Übrigen, dass dasselbe Lithiumion beim Menschen die Suizidrate tatsächlich beeinflussen kann.

Jede der beschriebenen Evidenzlinien besitzt Schwächen – wichtig ist aber, dass es nicht dieselben Schwächen sind. Darin liegt die Stärke der Triangulation.

Aus der Auswertung all jener Studien folgt deshalb nicht die Aussage: „Lithiummangel ist als alleinige Ursache von Suizid bewiesen.“

Die wissenschaftlich korrekte Schlussfolgerung lautet: Epidemiologische, individuelle, klinische, genetische, tierexperimentelle und molekularbiologische Befunde laufen unabhängig voneinander in dieselbe Richtung; das spricht dafür, dass eine unzureichende physiologische Lithiumversorgung ursächlich zu jenen biologischen und psychischen Prozessen beiträgt, welche die Wahrscheinlichkeit suizidalen Verhaltens erhöhen.

Das ist vorsichtiger als eine monokausale Behauptung – und zugleich wissenschaftlich weit belastbarer als die Fixierung auf eine einzelne Studie.

Was bedeutet das für den Schweizer Nullbefund?

Die Schweizer Pichler-Studie, die ich in einem eigenen Beitrag ausführlich behandle (Dr. Nehls bezieht Stellung zur SRF-Sendung «Puls»: „Lithium – Wundermittel fürs Gehirn oder gefährlicher Hype?“) und die ich zudem in einem Gespräch auf dem Kanal „chronisch ehrlich by HEILKRAFTWERK“ besprochen habe, prüft eine legitime, aber enge Frage: Gibt es innerhalb der in der Schweiz vorgefundenen Konzentrationen einen Zusammenhang zwischen dem Lithiumgehalt des Trinkwassers und der Suizidrate der jeweiligen Region?

Die Antwort der Studie lautet: Nein, in dieser konkreten Hinsicht konnte kein statistisch signifikanter Zusammenhang gefunden werden.

Nicht untersucht wurden dagegen: die individuelle Gesamtzufuhr, ein definierter Lithiummangel gegenüber ausreichender Versorgung, Blut- oder Gewebespiegel, genetische Vulnerabilität, GSK-3-Aktivität, Neuroinflammation, hippocampale Plastizität, Depression, emotionale Selbstregulation oder individuelle Impulskontrolle.

Auch die experimentelle Frage „Verschlechtert sich eine Funktion, wenn Lithium entzogen wird, und normalisiert sie sich nach Wiederzufuhr?“ wurde durch die Schweizer Studie überhaupt nicht gestellt.

Es ist aber eben diese Frage, welche die Tierexperimente zur Verhaltensregulation mit einem klaren Depletion-Repletion-Muster beantworten. Die Schweizer Studie kann entsprechend eine einzelne epidemiologische Evidenzlinie relativieren, jedoch nicht gleichzeitig Epidemiologie psychischer Erkrankungen, Individualdaten, Humanintervention, pharmakologische Suizidprävention, Genetik, Mechanistik und experimentelle Mangel-Repletion-Befunde widerlegen.

Und insbesondere die viel weitreichendere Frage kann sie nicht beantworten: Ist der menschliche Organismus für eine optimale emotionale und neuronale Selbstregulation auf eine bestimmte physiologische Lithiumzufuhr angewiesen? Dafür wurde die Studie schlicht nicht konzipiert.

Fazit: Entscheidend ist das gesamte Beweisnetz

Suizid ist ein Geschehen mit vielen ineinandergreifenden Ursachen. Es wäre deshalb geradezu überraschend, wenn eine einzige regionale Messgröße wie Lithium im Trinkwasser in jeder Population, in jedem Dosisbereich und unabhängig von allen anderen Risikofaktoren eine identische lineare Beziehung zur Suizidrate zeigen würde.

Die wissenschaftlich relevantere Frage lautet: Laufen Befunde aus voneinander methodisch unabhängigen Forschungsansätzen auf eine gemeinsame biologische Erklärung hinaus? Die vorhandene Evidenz spricht dafür.

Direkte Suizidepidemiologie, epidemiologische Zusammenhänge mit psychiatrischen Erkrankungen, individuelle Lithiumwerte, eine kontrollierte Mikrodosis-Intervention, die klinisch bekannte antisuizidale Wirkung, genetische Befunde in lithiumsensitiven Signalwegen, GSK-3- und Neuroinflammationsbiologie, hippocampale Resilienz, Impulskontrolle und experimentelle Mangelversuche bilden gemeinsam ein bemerkenswert gleichförmiges Bild.

Besonderes Gewicht hat dabei die experimentelle Verhaltensforschung – und sie wiegt besonders schwer:

Lithiummangel beeinträchtigt bei Tieren die normale Verhaltensregulation; unter Belastung kann eine bereits erlernte adaptive Reaktion verloren gehen, und durch Lithium-Repletion kann sie wiederhergestellt werden.

Damit wird eine zentrale Brücke zur Suizidproblematik sichtbar:

Nicht nur die Wahrscheinlichkeit von Depression und Dysphorie ist relevant. Ebenso entscheidend ist die emotionale Selbstregulation in einer akuten Belastungssituation – also die Fähigkeit, einen schädlichen Impuls nicht in eine Handlung umzusetzen. Hinzu kommt die Dosisfrage. Wenn die physiologische Dosis-Wirkungs-Beziehung – wie in Das Lithium-Komplott auf S. 183 schematisch dargestellt – sigmoid verläuft, ist nicht entscheidend, ob eine Studie irgendwo einen hohen Maximalwert aufweist.

Entscheidend ist: Wie viele Menschen erreichen tatsächlich den biologisch relevanten Übergangsbereich?

Diese Frage beantwortet die Schweizer Studie jedoch nicht. Ein Nullbefund kann eine einzelne Evidenzlinie relativieren. Er kann aber nicht das gesamte Netz, das die Triangulation aus vielen unabhängigen Linien knüpft, entwerten.

Buchgrundlage

Michael Nehls: Das Lithium-Komplott – Plädoyer für ein essentielles Spurenelement. 3. Auflage, Mental Enterprises, 10. Juni 2025.
Für den vorliegenden Artikel besonders relevant:
• S. 68–78: Epidemiologie des Mentalen Immundefizienz-Syndroms, Suizidrate, antisoziales Verhalten und Depression
• S. 82–135: Lithiom, GSK-3, IMPase, Lithiumverteilung und konservierte Lithiumtargets
• S. 137–140: kontrollierte Tierexperimente zu Lithiummangel, Reproduktion und Verhalten
• S. 142–144: Humanintervention mit physiologisch niedriger Lithiumzufuhr
• S. 181–186: Lithiumstatus und sigmoide Dosis-Wirkungs-Beziehung; Abb. 22 auf S. 183
• S. 219 ff.: Neuroinflammation
• S. 280: Depression
• S. 281: Suizidneigung
• S. 282 ff.: Sozialverhalten, Impulsivität und angrenzende neuropsychiatrische Folgen.

 

Wissenschaftliche Literatur

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