– Warum ich keine Pandemie erwarte –
Zum möglichen Pest-Laborunfall in Russland erreichen mich derzeit viele Fragen. Meine wichtigste Botschaft vorweg: Nach allem, was wir derzeit epidemiologisch beobachten, besteht kein Anlass zu Panik, denn es ist nach aktuellem Kenntnisstand sehr unwahrscheinlich, dass eine neue Pandemie unmittelbar bevorsteht. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Vorgang selbst bereits befriedigend aufgeklärt wäre.
Eine erst 28-jährige Mitarbeiterin des Anti-Pest-Forschungsinstituts in Irkutsk wurde am 29. September mit einer schweren Lungenentzündung hospitalisiert und starb am 2. Oktober. Die russischen Behörden sprechen bislang von einer „Pneumonie unbekannter Ätiologie“ und bestreiten einen bestätigten Pestfall sowie einen Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit im Labor. Gleichzeitig gibt es bislang unbestätigte Berichte über eine mögliche Exposition gegenüber Yersinia pestis, darunter die Behauptung eines Zwischenfalls mit einem zerbrochenen Probengefäß. Hinzu kommt, dass die WHO inzwischen nähere Informationen zu Medienberichten über eine zweite Mitarbeiterin beziehungsweise einen zweiten Mitarbeiter des Labors mit einer ebenfalls ungeklärten Pneumonie angefordert hat. (Reuters)
Bemerkenswert ist auch die Reaktion der Behörden: Rund 200 Kontaktpersonen wurden unter Quarantäne beziehungsweise medizinische Beobachtung gestellt; bis zum 6. Oktober waren etwa 60 Prozent davon wieder entlassen worden. Bislang wurde unter diesen Kontaktpersonen kein Pestfall festgestellt. (Reuters)
Diese außergewöhnlich umfassenden Quarantäne- und Überwachungsmaßnahmen zeigen, dass die zuständigen Behörden eine gefährliche übertragbare Infektion zumindest zunächst nicht sicher ausschließen konnten und deshalb offenbar nach dem Vorsorge- beziehungsweise Worst-Case-Prinzip handelten. Das ist an sich richtig. Es steht jedoch in einem erklärungsbedürftigen Spannungsverhältnis zur späteren sehr bestimmten Aussage, es gebe keinen Pestfall und keinen beruflichen Zusammenhang.
Hinzu kommt der berufliche Hintergrund der Verstorbenen. Veröffentlichte wissenschaftliche Unterlagen bringen Darya Shipilova selbst mit Forschung an Yersinia pestis in Verbindung: Sie wird als Mitautorin einer Untersuchung über die Empfindlichkeit sibirischer Peststämme gegenüber Antibiotika aufgeführt. Das beweist weder, dass sie unmittelbar vor ihrer Erkrankung mit lebenden Pesterregern arbeitete, noch dass sie sich im Labor infizierte. Aber es macht die Frage nach einer möglichen beruflichen Exposition selbstverständlich besonders relevant. (Irkutsk Live)
Sollte tatsächlich ein erkennbarer Zwischenfall mit Yersinia pestis stattgefunden haben, wäre normalerweise bereits vor Auftreten einer Erkrankung eine sofortige Expositionsbewertung und gegebenenfalls antibiotische Prophylaxe angezeigt gewesen. Aber selbst wenn es keinen bekannten Laborzwischenfall gab und zunächst niemand von Pest ausging: Bei einer derart fulminanten schweren Pneumonie wäre im Krankenhaus grundsätzlich eine empirische antibiotische Behandlung zu erwarten. Für schwere ambulant erworbene Pneumonien sehen entsprechende Behandlungsempfehlungen eine antibiotische Therapie vor. (WHO)
Damit entstehen für mich einige entscheidende offene Fragen: Wann traten ihre ersten Symptome auf? Womit hatte sie in den Tagen zuvor tatsächlich gearbeitet? Gab es irgendeine bekannte Unterbrechung der Schutzmaßnahmen oder einen Laborzwischenfall? Wurde angesichts ihres Arbeitsplatzes sofort auch an Pest gedacht? Welche Antibiotika erhielt sie, wann wurden sie begonnen und waren darunter Medikamente, die gegen einen gewöhnlichen Yersinia-pestis-Stamm wirksam sind?
Diese Fragen sind deshalb so wichtig, weil Pest grundsätzlich antibiotisch gut behandelbar ist, wenn die Therapie früh genug beginnt. Die CDC betont ausdrücklich, dass bei Pestverdacht nicht auf die endgültigen Laborergebnisse gewartet werden soll. Bei Lungenpest ist das Zeitfenster besonders eng: Eine Behandlung innerhalb der ersten etwa 24 Stunden nach Symptombeginn verbessert die Überlebenschancen entscheidend. (CDC)
Falls sie tatsächlich Pest hatte, stellt sich also die Frage, warum eine 28-jährige Mitarbeiterin eines Pestforschungsinstituts trotz des naheliegenden Verdachts und der grundsätzlich guten antibiotischen Behandelbarkeit starb. Ohne Kenntnis des Therapiezeitpunkts, der verwendeten Antibiotika und eines möglichen Antibiogramms fehlt genau die Information, die zwischen einem tragischen natürlichen Verlauf und einem ungewöhnlichen Erreger unterscheiden könnte.
a) Kam die Therapie zu spät? Natürlich könnte die Therapie schlicht zu spät gekommen sein. Eine Lungenpest kann außergewöhnlich rasch fortschreiten, und wenn bereits eine schwere Sepsis oder ein Multiorganversagen besteht, kann auch eine wirksame Antibiotikatherapie zu spät sein. Doch auch dann stellt sich in diesem besonderen Fall die Frage: Warum kam die Behandlung zu spät, wenn eine junge Mitarbeiterin ausgerechnet eines Pestforschungsinstituts plötzlich eine fulminante Pneumonie entwickelt?
b) Ein antibiotikaresistenter Erreger? Eine andere Möglichkeit wäre ein Erreger mit ungewöhnlicher Antibiotikaresistenz. Auch dafür gibt es bislang keinerlei belastbaren Nachweis. Sollte sich jedoch herausstellen, dass sie frühzeitig mit normalerweise gegen Yersinia pestis wirksamen Antibiotika behandelt wurde und die Infektion trotzdem ungebremst fortschritt, müsste diese Möglichkeit ernsthaft untersucht werden. Und dann wäre eine solche Resistenz nicht nur für die Erklärung ihres Todes relevant, sondern auch für die epidemiologische Risikobewertung: Wirksame Antibiotika sind ein wesentliches Instrument sowohl zur Behandlung der Erkrankten als auch zum Schutz exponierter Kontaktpersonen.
c) Ein genetisch veränderter Erreger? Auch ein genetisch veränderter Erreger wird derzeit diskutiert. Dafür gibt es bislang ebenfalls keinen belastbaren Beleg. Der schnelle Tod einer jungen Patientin allein wäre dafür kein überzeugendes Indiz – ein natürlicher Pesterreger kann eine unbehandelte Lungenpest ebenfalls innerhalb kürzester Zeit tödlich verlaufen lassen. Anders sähe es aus, wenn ein ungewöhnliches Resistenzmuster, unerwartete biologische Eigenschaften oder entsprechende Sequenzdaten nachgewiesen würden. Diese Informationen liegen öffentlich derzeit nicht vor.
Damit kommen wir zur eigentlichen Frage, die viele Menschen bewegt: Könnte sich daraus eine Pandemie entwickeln?
Hier muss man zwischen Beulen- und Lungenpest unterscheiden. Die klassische Beulenpest wird normalerweise nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Eine Lungenpest dagegen kann sich durch infektiöse respiratorische Tröpfchen direkt zwischen Menschen verbreiten. Sie besitzt damit grundsätzlich epidemisches Potenzial. Allerdings benötigt die Übertragung gewöhnlich engen und längeren Kontakt mit einem bereits symptomatisch Erkrankten. Yersinia pestis verhält sich also nicht wie Masern oder ein hochübertragbares respiratorisches Virus, dessen Aerosole sich über größere Entfernungen und längere Zeiträume verbreiten können. Die CDC gibt für historische Lungenpestfälle ein durchschnittliches R₀ von etwa 1,18 an; asymptomatische Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist nicht dokumentiert. (CDC)
Gerade dieser epidemiologische Befund ist derzeit unser stärkstes beruhigendes Signal. Das ECDC berichtet bislang von keinen Sekundärfällen und keinen Hinweisen auf eine anhaltende Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Auch unter den rund 200 überwachten Kontaktpersonen wurde bislang kein Pestfall festgestellt. (ECDC)
Deshalb halte ich eine globale pandemische Ausbreitung nach dem derzeitigen Kenntnisstand für sehr unwahrscheinlich. Ich würde diese Einschätzung allerdings bewusst nicht darauf stützen, dass der fragliche Erreger zwangsläufig ein gewöhnlicher, antibiotikaempfindlicher Wildtyp gewesen sein müsse – denn genau das wissen wir bislang nicht.
Bei einem gewöhnlichen Yersinia-pestis-Stamm ist eine globale pandemische Ausbreitung trotz der Übertragbarkeit der Lungenpest eher unwahrscheinlich, weil die Mensch-zu-Mensch-Übertragung normalerweise engen Kontakt erfordert und keine hohe Reproduktionszahl aufweist. Sollte der betreffende Stamm jedoch ungewöhnliche Eigenschaften besitzen – etwa relevante Antibiotikaresistenz oder eine erhöhte respiratorische Übertragbarkeit –, müsste diese Einschätzung neu bewertet werden. Ob dies der Fall ist, wissen wir derzeit nicht.
Meine derzeitige Einschätzung lautet deshalb:
Keine Panik. Nach allem, was wir bislang epidemiologisch sehen, spricht sehr wenig für eine beginnende Pandemie. Gleichzeitig gibt es aber berechtigte und wichtige offene Fragen dazu, was mit dieser jungen Wissenschaftlerin tatsächlich geschehen ist. Eine endgültige Entwarnung hinsichtlich des Laborereignisses selbst wäre deshalb ebenso verfrüht wie Spekulationen über einen manipulierten Biowaffenerreger. Was jetzt gebraucht wird, sind transparente Daten: die genaue Diagnose, die Chronologie der Erkrankung und Behandlung, die eingesetzten Antibiotika, mikrobiologische Befunde und – falls tatsächlich Yersinia pestis nachgewiesen wurde – Antibiogramm und genetische Charakterisierung des Erregers.
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