An die Quarks „Science-Cops": Reden wir öffentlich.

WDR-Podcast „Quarks Science Cops“ unterzieht meine Arbeit einem „Faktencheck“ – offenbar ohne „Das Lithium-Komplott“ gelesen zu haben. Ich dokumentiere vier zentrale Fehler der Redaktion und lade zum öffentlichen Gespräch ein.

Hintergrund

Am 21. März 2026 veröffentlichte der WDR-Podcasts Quarks Science Cops Episode seine Folge 123 mit dem Titel: „Die Lithium-Verschwörung: Der Fall Dr. Nehls“.

Zwei Tage danach, am 23. März 2026, habe ich darauf in einem Video auf meinem YouTube-Kanal reagiert. Darin benenne ich vier gravierende Beispiele aus einer Vielzahl inhaltlicher Ungenauigkeiten und lade das Autorenteam – Maximilian Doeckel, Jonathan Focke und Julia Marlen Demann – ausdrücklich zu einem öffentlichen, ungeschnittenen Gespräch ein.

Wer als ‘Wissenschaftspolizist’ ermittelt, sollte auch mit den Zeugen sprechen – nicht nur über sie. Das ist Standard in jeder Krimiserie und erst recht in der seriösen Wissenschaft. Ich freue mich über die Aufmerksamkeit und stehe für ein Gespräch jederzeit zur Verfügung.“

Bemerkenswert ist, dass die Quarks Science Cops in ihrer eigenen Bewertung zu einem ungewöhnlich milden Urteil kommen. Die Autoren bescheinigen mir ausdrücklich, dass die von mir herangezogenen epidemiologischen Studien „keine Schrottstudien“ seien, die klinische Hauptstudie „gut gemacht“ sei und die wissenschaftliche Analyse „relativ sauber“ wirke. Ihr Fazit wörtlich: „Im Grunde liegt Michael Nehls ja gar nicht so falsch.

Das Redaktionsteam sieht sich angesichts dieser Befunde nicht in der Lage meine wissenschaftliche Grundthese zu widerlegen – und beschränkt sein Urteil auf eine „Verwarnung“ wegen eines Verschwörungsnarrativs (ohne es zu widerlegen) sowie Kontaktschuld: Der Kopp-Verlag biete mein Buch an – dass dies ebenso Amazon, Hugendubel, Thalia und viele weitere Buchhandlungen tun, bleibt unerwähnt.

4 Falschdarstellungen – was behauptet wurde und was ich geschrieben habe

Aus der langen Liste an fehlerhaften Darstellungen habe ich in meiner ersten Antwort die folgenden vier konkreten Falschdarstellungen thematisiert:

1. Der Allheilmittel-Vorwurf

Die Sendung legt nahe, ich würde Lithium als universellen Problemlöser für nahezu alle Krankheiten präsentieren. Das Buch und auch die zugehörigen Artikel auf dieser Webseite lassen für diesen Vorwurf von vornherein keinen Raum – im Buch warne ich bereits in Kapitel 1 ausdrücklich genau davor, Lithium so aufzufassen – so früh, dass der Vorwurf bei einer Lektüre des Werkes schlicht nicht hätte erhoben werden können. Dort heißt es: „Wichtig zu verstehen ist aber, dass auch Lithium kein Wundermittel ist!“ Und an späterer Stelle nochmals unmissverständlich: „Essentielles Lithium ist, und das möchte ich hier nochmals betonen, kein Allheilmittel und deshalb immer im Kontext eines systemischen Verständnisses der menschlichen Natur zu sehen.“ Das gesamte erste Kapitel ist dem Gesetz des Minimums gewidmet – dem Umstand, dass Lithium eines von vielen essentiellen Spurenelementen und lebenswichtigen Vitalstoffen ist, und bei weitem nicht das einzige.

2. Toxizität und Dosierung

Die Sendung thematisiert die Toxizität von Lithium in therapeutischen Hochdosen und stellt diese in unmittelbare Nähe zu der von mir empfohlenen Tagesdosis von 1 mg – ohne den entscheidenden Unterschied zwischen beiden Größen kenntlich zu machen.

Laut dem ECHA-Registrierdokument zur Sicherheit von Lithiumcarbonat beträgt der NOAEL (die höchste Dosis, bei der auch bei Langzeitanwendung keinerlei unerwünschte Wirkungen beobachtet wurden) für einen Erwachsenen mit 70 kg Körpergewicht 85 mg reines Lithium pro Tag. Das ist das 85-Fache der von mir und auch anderen Experten ausgewiesenen (siehe hier) Niedrigdosis bzw. essentiellen Dosis. 

Zum Vergleich: Bei Zink, das von niemandem als gefährlich, sehr wohl aber bekanntlich auch als essentiell eingestuft wird, kann bereits das 5-Fache der empfohlenen Tagesdosis zu Vergiftungserscheinungen führen; ähnliches gilt für Jod oder Selen, wie ich in einer Rede im EU-Parlament darlegte. Lithium ist damit, ausgehend von der vorgeschlagenen Dosis, eines der sichersten Spurenelemente überhaupt. Bezeichnend ist, dass die Moderatoren diesen Punkt am Ende der Dosispassage selbst bestätigen – wörtlich: die empfohlene Dosis sei „weit weit entfernt von auch nur annähernd toxischen Bereichen„. Diese wird jedoch erst eingeräumt, nachdem beim Hörer durch die ausführliche Warnung vor der Toxizität therapeutischer Hochdosen längst der gegenteilige Eindruck entstanden ist.

3. Die Vergiftungsfälle von 1949

1949 starben in den USA mehrere Patienten, nachdem ihre Ärzte an drei verschiedenen Kliniken sie angewiesen hatten, hochdosiertes Lithiumchlorid als Kochsalzersatz zu verwenden. Im März desselben Jahres publizierten diese Ärztegruppen die entsprechenden Fallberichte zeitgleich in derselben Ausgabe des Journal of the American Medical Association – und lieferten der FDA damit den öffentlichkeitswirksamen Anlass, Lithium als Nahrungsergänzungsmittel zu verbieten. Im Buch stelle ich dar, dass die Summe dieser Umstände eine zufällige Entstehung unwahrscheinlich macht und eine koordinierte Absicht die naheliegendere Erklärung sei. Die Sendung übergeht diese sorgfältig aus historischen Quellen hergeleitete Abwägung und ersetzt sie durch das Label ‚Verschwörungstheorie‘ – als ob die Frage, ob drei Kliniken zeitgleich und wirklich denselben folgenreichen Fehler unabhängig voneinander begehen und ihn hintereinander in derselben Journalausgabe publizieren können, keine legitime historische Frage wäre.

Was die im Buch zitierten JAMA-Artikel tatsächlich enthalten, ist dabei aufschlussreich: Zwei der drei Autorenteams räumen darin ausdrücklich ein, dass die Vergiftung ihrer Patienten vorsätzlich herbeigeführt wurde – obwohl ihnen die Toxizität von Lithium in hohen Dosen aus der Fachliteratur bekannt war, unter anderem aus einem 1913 im selben Journal publizierten Selbstversuch. Der Bellevue-Patient erhielt dabei nicht einfach nur eine ähnliche Dosis, sondern ein Vielfaches dieser bereits als gefährlich bekannten Menge – insgesamt rund 6.000 mg reines Lithium in drei Tagen, deren Einnahme nach Angaben der Autoren genau überwacht wurde. Das dritte Autorenteam behauptet zwar, von der Gefährlichkeit nichts gewusst zu haben – was ich jedoch für wenig glaubwürdig halte: Zum einen waren die beiden anderen Teams nachweislich informiert, zum anderen hält er es für kaum vorstellbar, dass ein Arzt ein solches Experiment an Patienten durchführt, ohne sich zuvor kundig gemacht zu haben.

Erschwerend kommt hinzu, dass die FDA zu diesem Zeitpunkt bereits plante, Lithium als Medikament einzustufen: Die drei zeitgleich publizierten Studien lieferten ihr den Anlass, stattdessen ein Verbot als Nahrungsergänzungsmittel durchzusetzen – ein Ziel, das die FDA ausdrücklich selbst formuliert hatte, wie ich anhang entsprechender Quellen im Buch aufzeige. All dies ist gründlich dokumentiert und nelegt. Was die Sendung als lächerliche Verschwörungstheorie abtut, ist in der Sache ein quellenkritischer Indizienprozess – der auf koordinierte Einflussnahme mit nachweisbaren Interessenlagen hindeutet.

4. Korrelation und Kausalität

Die Sendung wirft mir vor, aus epidemiologischen Korrelationen unzulässige Kausalschlüsse zu ziehen. Das Buch entkräftet diesen Vorwurf bereits auf den ersten Seiten – ich lege den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität ausdrücklich dar, damit Leser die Gewichtung der einzelnen Argumente selbst einschätzen können. Wer das Werk gelesen hat, fragt sich unweigerlich, warum der Vorwurf dennoch erhoben wurde.

Einladung zum öffentlichen Gespräch

Allen vier Falschdarstellungen liegt dasselbe Muster zugrunde: Es handelt sich nicht um Interpretationsfragen, sondern um Verzerrungen einfachster Sachverhalte, die im Buch eindeutig dargelegt sind.

Ich lade das Autorenteam Maximilian Doeckel, Jonathan Focke und Julia Marlen Demann daher zu einem öffentlichen, ungeschnittenen Gespräch ein – mit dem Angebot, alle strittigen Punkte direkt und auf Basis des vorliegenden Textes zu klären.

Für ein solches Gespräch stehen verschiedene öffentliche Formate offen; unter anderem hat sich der Finanzexperte und YouTuber Marc Friedrich (rund 700.000 Abonnenten) bereit erklärt, eine neutrale Bühne zu bieten.

Ich bin für jeden Irrtum dankbar, der mir nachgewiesen werden kann. Gute Wissenschaft lebt vom Diskurs – nicht vom Urteil über Abwesende. Die Herren Doeckel und Focke sowie Frau Demann sind herzlich eingeladen, mich eines Besseren zu belehren. Ich freue mich auf das Gespräch.“

Wartungsarbeiten

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